Im Grunde gibt es drei Arten von Selbstkontrollen, die für den Patienten in Betracht kommen und auf die er durch den behandelnden Arzt eindringlich hingewiesen werden soll.

Nestor der deutschen Diabetologie
Wer kennt ihn nicht? Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert ist seit über 50 Jahren auf dem Gebiet der Diabetologie aktiv. Auch heute noch hält der ehemalige Chefarzt der Medizinischen Klinik des Krankenhauses München-Schwabing Vorträge und leistet Aufklärungsarbeit. Auch auf der practica erfreuen sich seine Seminare gleichbleibender Beliebtheit. Das liegt daran, dass Mehnert Diabetesforschung so vermitteln möchte, dass sie auch für den niedergelassenen Allgemeinarzt umsetzbar ist. In diesem Sinne sind auch "Mehnerts Diabetes-Tipps" verfasst, die als Serie im Allgemeinarzt erscheinen und hoffentlich dazu beitragen, dass Sie Ihre Diabetes-Patienten besser betreuen können.

Zunächst ist die Kontrolle des Körpergewichts der zu 85 % übergewichtigen oder adipösen Typ-2-Patienten und der immerhin zu 50 % übergewichtigen oder adipösen Typ-1-Diabetiker besonders wichtig. Die Personenwaage ist wichtiger als die Küchenwaage!

Gewicht kontrollieren

Man sollte die Patienten dazu anhalten, dass sie täglich, am besten regelmäßig morgens, ihr Gewicht ermitteln und den entsprechenden Verlauf mit dem Arzt besprechen, damit adäquate ernährungs- und bewegungstherapeutische Maßnahmen eingeleitet werden können. Die genauere Diagnose der Fettleibigkeit mit dem Maßband (Bauch- oder Stammfettsucht?) wird in der Regel eher vom Hausarzt vorgenommen werden.

Füße kontrollieren

Die zweite wichtige Maßnahme der Selbstkontrolle betrifft das möglichst frühzeitige Erkennen eines diabetischen Fußsyndroms (DFS). Hierzu zählt in erster Linie die tägliche Betrachtung der Füße, wobei die Fußsohle am besten mit einem Spiegel auf Blasen, Schrunden, Verletzungen oder Wunden kontrolliert werden soll. Bei positivem Befund ist sofort der Hausarzt aufzusuchen, um der Entwicklung des DFS entsprechend zu begegnen. Erwähnt sei noch, dass der Patient in der obligaten initialen Schulung mit Präventionsmaßnahmen vertraut gemacht werden soll: kein zu enges Schuhwerk tragen, keine rauen Strümpfe (womöglich mit einer Naht), tägliches Waschen der Füße bei 37 Grad Wassertemperatur (keine scharfen Bürsten verwenden), Fußpflege am besten durch eine Fachkraft (keine spitzen Scheren benutzen, vor allem aber Feilen der Nägel).

Stoffwechsel kontrollieren

Die dritte Maßnahme ist die Stoffwechsel-Selbstkontrolle durch den Patienten. Die Harnzuckerkontrolle kommt – wenn überhaupt – am ehesten noch bei nichtinsulinierten Patienten in Betracht (nüchtern und zwei Stunden nach einer Hauptmahlzeit). Hier gibt es natürlich Einschränkungen, da man mit dem Messen des Harnzuckers weder eine Hypoglykämie oder Hyperglykämie noch einen Trend der Blutzuckerwerte feststellen kann. Deswegen wird zu Recht empfohlen, dass auch Typ-2-Patienten ohne Insulin gelegentlich ihren Blutzucker messen. Obligat ist diese Kontrolle bei insulinierten Typ-2- und natürlich bei allen intensiviert behandelten Typ-1-Diabetikern. Für die heute üblichen Messungen mit Streifen stehen einige Hundert Versionen von Blutzuckermessgeräten zur Verfügung. Die Geräte sind inzwischen immer handlicher, sicherer und präziser geworden. Als partes pro toto seien zwei Gerätegruppen erwähnt: einmal das Accu-Check Aviva-Blutzuckermessgerät (ganz neu Accu-Check-Connect) mit extra großen griffigen Teststreifen sowie besonders guter Präzision und Messgenauigkeit. Durch integrierte Sicherheitsmaßnahmen werden irritierende Einflüsse auf die Messung erkannt bzw. kompensiert, ebenso Fehler durch Hämatokritabweichungen. Zum anderen ist das Gerät MyStar Extra® ("Diabetes-Management mit nur drei Klicks") sehr zu empfehlen. Beim ersten Klick erscheint eine Art Tagebuch mit einem Messwertevergleich von allen aktuellen Blutzuckermessungen. Mit dem zweiten Klick werden die Durchschnittswerte berechnet, wobei der Blutzucker mit einem Blick ablesbar ist. Der dritte Klick gibt sogar Auskunft über den HbA1c-Wert.

Die Blutzuckermessung ist ein unentbehrlicher Kompass einer guten Diabeteseinstellung für Arzt und Patient. Wichtig ist zudem die sorgfältige Dokumentierung der gemessenen Werte, weil es nur dadurch möglich ist, eine adäquate Besprechung mit dem Hausarzt durchzuführen und therapeutische Korrekturen zu veranlassen.

Als "Quantensprung" bei der Selbstmessung wird die Entwicklung des FreeStyle Libre®-Systems bezeichnet (Thomas Haak). Hier wird mit einem alle 14 Tage zu erneuernden Sensor gearbeitet, der im Oberarmfettgewebe unter einem Pflaster die Glukose kontinuierlich – wenn auch etwas verzögert – misst und dessen Resultate mit einem Scan unblutig abgelesen werden können (auch durch die Kleidung). Eine ständige Kalibrierung ist nicht erforderlich. Die Patienten sind begeistert, weil sie nicht die oft so lästige Blutzuckermessung am Finger durchführen müssen. Hier liegt womöglich die Zukunft der dritten Maßnahme der Selbstkontrolle.

practica 2015 Bad Orb
Kurs Nr. 316
Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert: Aktuelle Diabetologie 2015



Autor:

Prof. Dr. med. Hellmut Mehnert

Forschergruppe Diabetes e.V.
82152 Krailling

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (1) Seite 30-31