Der Allgemeinarzt Dr. med. Torben Brückner, 37, Schwalbach am Taunus in Hessen, arbeitet in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis. Er führt die Zusatzbezeichnungen Notfallmedizin und Palliativmedizin. Ein Gegensatz? Mitnichten. Warum die Palliativmedizin ihm so viel bedeutet, erläutert er im Interview mit Der Allgemeinarzt.

Palliativmedizin im stressigen Praxisalltag – warum haben Sie sich für diese Weiterbildung entschieden?

Ich hatte schon immer Interesse an dem Thema. Schon zu Unizeiten habe ich auf einer Palliativstation famuliert. Vor 15 Jahren war die Palliativmedizin in Deutschland aber anders aufgestellt. Sie war noch nicht so professionalisiert – das kann man als Vor- oder Nachteil sehen.

Wann haben Sie die Weiterbildung gemacht und wie lange dauerte sie?

Man kann mit der Weiterbildung bereits beginnen und die Kurse belegen, sobald man seine Approbation hat. Man muss aber seinen Facharzt haben, um die Zusatzbezeichnung führen zu dürfen. Für die Palliativmedizin muss man einen 40-Stunden-Basiskurs absolvieren – das ist die Voraussetzung für alle. Dann gibt es zwei Wege: Entweder, man arbeitet 12 Monate lang bei einem Weiterbildungsermächtigten, z. B. auf einer Palliativstation, oder man belegt anteilig für die 12 Monate drei 40-Stunden-Kurse.

Was waren für Sie die wichtigsten Inhalte der Weiterbildung?

Natürlich spielt die Symptomkontrolle bzw. Symptombehandlung eine wichtige Rolle: Schmerzen, Übelkeit, Dyspnoe, Obstipation, Appetitlosigkeit, Müdigkeit – all die Symptome, unter denen ein Patient bei schwerer Krankheit am Lebensende leidet. Die Palliativmedizin ist aber auch ein sehr redeintensives Fach, bei dem es um den Umgang mit Leben, Sterben und Tod geht. Spiritualität, Ethik, die Mitbehandlung der Angehörigen sind weitere Themen.

Wo fand die Weiterbildung statt, und wie haben Sie diese in den Praxisalltag integriert?

Die Kurse gibt es bundesweit und das Angebot ist sehr groß. Ich habe das Ganze gemischt, je nachdem, wie es gerade passte. So habe ich Fortbildungen in verschiedenen Städten gemacht und auch nicht immer beim selben Anbieter. Meist habe ich die Weiterbildungsveranstaltungen mit etwas zusätzlichem Urlaub verbunden.

Mussten Sie eine Prüfung ablegen?

Nein. In Hessen gibt es erstaunlich wenige Prüfungen bei den Zusatzbezeichnungen im Vergleich zu anderen Bundesländern.

Empfanden Sie es als anstrengend, diese Zusatzbezeichnung zu erwerben?

Es war gut machbar. Ich konnte die Weiterbildung auf über anderthalb Jahre verteilen. Mit den Kursen habe ich mich immer in meinem Urlaub beschäftigt – dann jeweils für eine Woche. Es ging in den Kursen auch nicht die ganze Zeit um knallharte, medizinische Themen, sondern um die Einstellung zum Leben und Sterben und darum, darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist. Es war nicht immer rein medizinwissenschaftlich, sondern auch teils spirituell bzw. philosophisch. Wenn man das mag und sich dafür interessiert, ist das spannend und mal ganz anders als die klassischen Fortbildungen im Arztleben.

Hat sich die Zusatzbezeichnung für Sie wirtschaftlich gerechnet?

Nein, man kann hieraus auch gar keinen wirtschaftlichen Vorteil ziehen und das möchte ich auch nicht. Palliativmedizin als Zusatzbezeichnung hat im Moment keine Abrechnungsrelevanz. Es gibt ja Palliativziffern für den Hausarzt, aber die kann man auch ohne die Zusatzbezeichnung abrechnen und das sollte auch unbedingt so bleiben. Palliativmedizin ist derzeit eine Zusatzbezeichnung, die man für sich selbst macht. Den Basiskurs über 40 Stunden kann ich aber wirklich jedem empfehlen – egal, ob man die Zusatzbezeichnung machen möchte oder nicht. Der Kurs ist wirklich Gold wert! Man wird sehr gut in das Thema eingeführt und erhält das wichtigste Basiswissen. Die drei anderen Kurse bauen mehr auf den vorhin erwähnten Inhalten auf.

Wie erging es Ihnen am Anfang im Alltag damit – gab es Startschwierigkeiten?

Palliativmedizin und hausärztliche Tätigkeit sind eine Einheit. Die Symptomkontrolle z. B. beherrscht der Hausarzt ohnehin schon. Man behandelt in der Palliativmedizin aber natürlich ausschließlich Patienten, die schwer krank sind. Bei der Weiterbildung musste ich mich immer erinnern, dass es ja auch noch Patienten mit einfacher Erkältung gibt.

Es ist aber schon erstaunlich, wie viel Lebensqualität ein Mensch haben kann, wenn er von einem Tag auf den anderen mit einfacher Medikamentenum- oder -einstellung plötzlich so schmerzfrei ist, dass er einen anlacht und einem freudig entgegenkommt, während er am Vortag noch mit Schmerzen im Bett lag. Hier ist sehr viel mit wenig Maschineneinsatz möglich und es zählt vor allem das Menschliche. Man muss akzeptieren, dass das Leben und das Sterben zwei Geschwister sind.

Ein Leitspruch der Palliativmedizin ist: Nicht dem Leben mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben. Jeder Mensch ist zudem unterschiedlich, jede Krankheit entwickelt sich unterschiedlich. Man hat bei der Palliativmedizin auch das Gefühl, dass die ureigensten ärztlichen Fähigkeiten wieder hochkommen, die in den letzten Jahrzehnten sicher in den Hintergrund getreten sind. Das ärztliche Gefühl ist wieder mehr da. Als hätte man ein kleines Stück der ärztlichen Kunst – wenn auch nicht des Heilens – wiedergefunden.

Wie wenden Sie Ihr neu erworbenes Wissen heute an?

Patienten sprechen mich immer mal wieder an und fragen: Auf Ihrem Praxisschild steht "Palliativmedizin" – was ist das denn überhaupt? Dann sind sie froh, wenn sie das nicht brauchen. Es gibt auch vermehrt Menschen, die in die Praxis kommen und hierzu öfter Rat suchen als zu Zeiten, da ich die Zusatzbezeichnung noch nicht führte. Palliativmedizin haben Hausärzte schon immer gemacht, nur nicht so genannt. Es ist nichts, was neu erfunden wurde. Daher ist die Palliativmedizin auch gut in den hausärztlichen Alltag integrierbar, weil sie schon immer ein Teil davon war, ist und bleiben sollte.

Palliativmedizin
Für die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin muss in Hessen grundsätzlich ein 40-Stunden-Basiskurs absolviert werden. Zusätzlich muss man 12 Monate in der Palliativmedizin unter einem Weiterbilder arbeiten. Diese 12 Monate sind anteilig ersetzbar durch drei weitere 40-Stunden-Kurse.

Bei der Ausbildung erwirbt der Arzt u. a. Kenntnisse in der Gesprächsführung mit Schwerstkranken, Sterbenden und deren Angehörigen. Er lernt, diese Menschen zu unterstützen und zu beraten. Weitere Inhalte sind Erkennung und Behandlung akuter und chronischer Schmerzzustände, zudem die Symptomkontrolle, z. B. von Atemnot, Übelkeit und Erbrechen.

Die Weiterbildung kostet etwa 2.500 bis 3.000 Euro (je nach Kursgebühr, plus Reisekosten und Verpflegung).

Im Ranking der Zusatzbezeichnungen in Hessen liegt die Palliativmedizin auf Platz 6.

In den anderen Bundesländern sind die Regelungen für die Weiterbildung vergleichbar. Nähere Infos finden Sie auf der Homepage Ihrer Landesärztekammer.



Das Interview führte:
Angela Monecke

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (12) Seite 70-72