Die Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium ist ein wesentliches Ziel des Masterplans Medizinstudium 2020. Mit einer Umfrage wollte der Marburger Bund (MB) belegen, dass die Medizinstudierenden einer stärkeren Einbindung der Allgemeinmedizin mehrheitlich skeptisch gegenüberstehen*. Dieses "MB-Studi-Barometer 2016" als "Mitgliederbefragung" ist jedoch weder repräsentativ noch objektiv**.

Trotz dieser Mängel lassen sich einige positive Aussagen finden: 59 % der Studierenden bewerten das Ansehen des Faches Allgemeinmedizin als "sehr gut" oder "gut". Auch die Lehre im Fach selbst überzeuge. Fast die Hälfte könne sich eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin vorstellen. Der MB freilich schließt daraus: "Das Interesse am Fach Allgemeinmedizin ist indes größer, als es Berichte über einen Nachwuchsmangel nahelegen." Diese Schlussfolgerung ist aus Sicht der DEGAM nicht plausibel. Seit Jahren entscheiden sich konstant um die 10 % der Absolventen eines Jahrgangs für eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin. Um den Status quo in der hausärztlichen Versorgung aufrechtzuerhalten, müssten allerdings mindestens doppelt so viele Studierende in die Facharztweiterbildung zum Allgemeinarzt eintreten. Es müsste also Konsens in der Ärzteschaft bestehen, das vorhandene Potenzial noch stärker abzurufen.

Auch die Verwendung von tendenziös formulierten Suggestivfragen offenbart einen Mangel in der wissenschaftlichen Herangehensweise: "Welche Gründe sprechen aus Deiner Sicht gegen eine Tätigkeit als niedergelassener Hausarzt?" Nach Gründen, die für eine Tätigkeit als niedergelassener Hausarzt sprechen könnten, wird dagegen nicht gefragt. Die von den Studierenden aufgezählten Punkte (z. B. keine Teamarbeit, schlechter Verdienst) bestätigen ihre seit langem bekannten Vorbehalte. Der MB schließt daraus: "Der Nachwuchs für die Allgemeinmedizin ist durchaus vorhanden – ein Einzelkämpferdasein in eigener Praxis mit unsicheren finanziellen Rahmenbedingungen kann sich aber kaum einer der Medizinstudierenden vorstellen."

Diese Schlussfolgerung ist allerdings eine offensichtliche Verdrehung der Tatsachen. Die Einzelpraxis entspricht nämlich einerseits immer weniger der Realität, und zum anderen könnten gerade Maßnahmen wie ein verpflichtender PJ-Ausbildungsabschnitt in einer hausärztlichen Praxis dazu beitragen, laufend wiederholte Vorurteile abzubauen.

Solche tendenziösen Interpretationen nicht repräsentativer Befragungsergebnisse und polemisierende Diskussionen tragen weder zu einer guten medizinischen Ausbildung in der angewandten Heilkunde noch zur dringend notwendigen gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau bei.

* in diesem Heft "Medizinstudium Masterplan 2020", S. 30 ff
** ausführliche "DEGAM-Stellungnahme zu den Ergebnissen der Befragung und zu den Schlussfolgerungen des MB" auf www.allgemeinarzt-online.de



Autorin:

Prof. Dr. med. Antje Bergmann

Sprecherin der DEGAM-Sektion Studium und Hochschule
01307 Dresden

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (6) Seite 3