Anfang März wurde der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Vorsitz der Vertreterversammlung neu besetzt. In den vorangegangenen Jahren hatten zahlreiche Querelen und Skandale die Arbeit der Körperschaft und das Vertrauen der Politik in die Leistungsfähigkeit der Selbstverwaltung erschüttert. Ein Trio soll es jetzt mit mehr Teamgeist richten.

Aufgrund der Vorgaben des GKV-Selbstverwaltungsstärkungsgesetzes besteht der Vorstand der KBV nun erstmal aus 3 statt wie bislang aus 2 hauptamtlichen Mitgliedern. Da sich auch nur 3 Kandidaten für diese Positionen bewarben, war die Wahl im Grunde eher eine Formsache.

Künftig an einem Strang ziehen

Weiter an der Spitze der KBV wird der Orthopäde und bisherige Amtsinhaber Dr. Andreas Gassen stehen. Er wurde mit knapp 80 % der 60 Delegiertenstimmen (24 Hausärzte, 24 Spezialisten, 6 Psychotherapeuten, 6 nichtärztliche Mitglieder) wiedergewählt. Als sein erster Stellvertreter und Vorstand für das hausärztliche Grundsatzressort wird in den nächsten 6 Jahren der Hamburger Allgemeinarzt Dr. Stephan Hofmeister agieren. Hofmeister konnte fast 90 % der Stimmen auf sich vereinigen. Er war von 1999 bis 2013 in einer eigenen Praxis als Hausarzt niedergelassen, bevor er stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Hamburg wurde.

Hofmeister hatte schon im Vorfeld der Wahl betont, dass er Verfechter einer offenen Kommunikation zwischen den Versorgungsbereichen sei. Eine Konkurrenz der Hausärzte zum fachärztlichen Versorgungsbereich sehe er nicht. Er verfolge einen ganzheitlichen Ansatz, in dem es keine "hausärztlichen" oder "fachärztlichen" Patienten gebe.

Vervollständigt wird der nun dreiköpfige Vorstand der KBV durch den Volkswirt Dr. Thomas Kriedel als zweiten stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden. Kriedel war zuvor als Vorstand der KV Westfalen-Lippe tätig.

In einer ersten Stellungnahme betonte das neue Führungstrio den neuen Teamgeist, der im KBV-Vorstand Einzug halten solle. Gemeinsam wolle man in den kommenden 6 Jahren die KBV auf neuen Kurs bringen und das Konzept "KBV 2020" umsetzen. Gemeinsam müsse man auch in die Politik hineinwirken und jene Durchschlagskraft zurückgewinnen, die in den letzten Jahren verloren gegangen ist. Nur wenn der KBV-Vorstand an einem Strang ziehe, könne die KBV wieder den Stellenwert in der Gesundheitspolitik erlangen, den sie haben muss, beschwor Gassen die neue Einigkeit.

Klare Positionen beziehen

"Vertrauen zurückzugewinnen, Verlässlichkeit zu demonstrieren und konstruktive Vorschläge zur Lösung der gesundheitspolitischen Herausforderungen zu machen", darin sieht auch Hofmeister die wichtigsten Aufgaben von Vorstand und Vertreterversammlung der KBV in den nächsten Monaten. Kritisch, sachlich, ernsthaft und deutlich hörbar wolle man in der Bundespolitik sein.

Die KBV habe die Verantwortung, auf der Bundesebene die Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den KVen ermöglichen, ihrem Sicherstellungsauftrag nachzukommen, so Hofmeister. Gemeinsam mit seinen beiden Vorstandskollegen werde man als gut abgestimmtes Kollegialorgan arbeiten und nach außen wirken. Der medizinische Nachwuchs, die Mitglieder der Selbstverwaltung und die Politik müssten deutlich erkennen, worin der Wert der Körperschaft liegt. Schließlich seien es die niedergelassenen Hausärzte, Fachärzte und Psychotherapeuten, die die Last der Versorgung tragen. Für sie müsse man verlässliche und nachvollziehbare Rahmenbedingungen schaffen – und dafür klare Positionen in der Diskussion mit den Partnern der Selbstverwaltung und der Politik beziehen.

Arbeitsbedingungen für Ärzte verbessern

Auch für Thomas Kriedel ist die Kernaufgabe der nächsten Zeit, die KBV wieder in allen ihren Funktionen zu positionieren und zu stärken, die sie für die regionalen KVen erfüllen soll und muss. Man müsse Vertrauen in unsere Arbeit und unsere Verlässlichkeit zurück gewinnen – bei der Politik, bei den Vertragspartnern, aber auch und gerade bei den Landes-KVen und jedem einzelnen Mitglied in ganz Deutschland. Nur wenn wir intern das Vertrauen haben, können wir nach außen kraftvoll auftreten und unsere gemeinsamen Interessen vertreten, so Kriedel. Ebenso wichtig ist ihm die Besetzung von Zukunftsfeldern für die ambulante Versorgung. Digitalisierung ist ein solches Thema, für das er sich schon lange engagiere. Gleiches gelte für die Verbesserung der Zusammenarbeit der Versorgungsebenen und -sektoren. Und schließlich müsse man sich für die Anpassung der Arbeitsbedingungen in der Versorgung an die Erwartungen junger Ärzte einsetzen. Dazu gehören die Entlastung von arztfremden Tätigkeiten, die Entbürokratisierung, die Bedingungen für Angestellte, vernetztes Arbeiten mit Kollegen und anderen Gesundheitsberufen und einiges mehr.

Hausärztin ist VV-Vorsitzende

Die Vertreterversammlung (VV) ist das oberste beschließende Organ der Vertragsärzte. Sie wählt und kontrolliert auch den Vorstand der KBV. Zu seiner neuen Vorsitzenden wählte das Ärzte-Parlament die Allgemeinärztin Dr. Petra Reis-Berkowicz. Reis-Berkowicz ist seit 1990 in Gefrees/Oberfranken niedergelassen. Seit über 20 Jahren engagiert sie sich in der Berufspolitik. Seit 2011 ist sie Vorsitzende der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns. Außerdem wurde sie 2011 Mitglied der Vertreterversammlung der KBV. Ihre Stellvertreter werden in den kommenden 6 Jahren Dipl.-Psychologin Barbara Lubisch und der Gynäkologe Dr. Rolf Englisch sein.

Oberste Priorität: Stärkung der Allgemeinmedizin

Sicherlich nicht unwichtig für die Zukunft wird sein, wie sich die KBV mit einem ihrer schärfsten Kritiker, dem Deutschen Hausärzteverband (DHÄV) arrangieren kann. Dessen Bundesvorsitzender Ulrich Weigeldt gratulierte dem neuen Vorstand der KBV zunächst einmal artig zur Wahl und wünschte eine erfolgreiche Amtszeit, machte dann aber gleich klar: "Nur in enger Abstimmung zwischen der KBV und dem DHÄV werden wir die enormen Herausforderungen, vor denen die hausärztliche Versorgung steht, bewältigen können. Daher gehen wir davon aus, dass der neue Vorstand auf eine offene Kommunikation setzen wird. Dies ist umso wichtiger, da die Interessen der Hausärzte in den letzten Jahren seitens der KBV immer wieder vernachlässigt wurden. Ich erinnere nur an die verlorenen NäPa-Gelder, die dringend in den Hausarztpraxen benötigt würden. Ein solches Versäumnis darf sich nicht wiederholen."

Der hohe gesellschaftliche Bedarf an Hausärzten verlange nach einer Stärkung des Fachs, so Weigeldt weiter. Dies müsse auf der Agenda des neuen KBV-Vorstands oberste Priorität haben. Eine weitere Aushöhlung des Hausarztberufes, wie es beispielsweise im Geriatrie-Konzept der KBV angelegt ist, dürfe keineswegs fortgesetzt werden.

Der DHÄV fordert stattdessen ein partnerschaftliches Nebeneinander von Kollektiv- und Selektivvertrag. Zudem müssten die Rahmenbedingungen für Hausärzte weiter verbessert werden. Eine wichtige Voraussetzung hierfür sei, dass die Parität von Hausärzten und Spezialisten in der Vertreterversammlung erreicht werden konnte.

Man darf gespannt sein, wie die neue KBV-Führung mit diesen Herausforderungen umgehen wird.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (7) Seite 29-30