Medikationsfehler sind ein gesundheitsrelevantes Problem. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit etwa jede 10. stationäre Aufnahme auf unerwünschte Arzneimittelereignisse zurückzuführen ist. Ein großer Teil davon ist durch Medikationsfehler bedingt und prinzipiell vermeidbar. In Deutschland werden etwa 0,6 % aller internistischen Notaufnahmen als durch Medikationsfehler bedingt eingeschätzt. Ein Aktionsplan soll jetzt helfen.

In Deutschland sind derzeit rund 20.000 verschreibungspflichtige Arzneimittel und 2.400 Wirkstoffe auf dem Markt sowie weitere 60.000 apothekenpflichtige Medikamente. Dass es angesichts dieses komplexen Angebots zu Fehlern kommen kann, ist nicht wirklich verwunderlich.

Wie kommt es zu Medikationsfehlern?

Medikationsfehler können bei jedem Schritt des Medikationsprozesses auftreten. So können Fehler z. B. bei der Medikamentenverordnung entstehen, wenn der Arzt ein für den individuellen Patienten ungeeignetes Medikament oder eine falsche Dosierung verschreibt. Eine Fehlerquelle kann auch die Verwechslung von Arzneimitteln bei der Ausgabe der Medikamente im Krankenhaus sein. Eine fehlerhafte Verabreichung kann resultieren, wenn versehentlich Arzneimittel, die für die intramuskuläre Gabe vorgesehen sind, in die Vene injiziert werden. Grundsätzlich können Medikationsfehler von jedem am Medikationsprozess Beteiligten verursacht werden – von Ärzten, Apothekern oder vom Pflegepersonal sowie von Patienten und deren Angehörigen.

So führt häufig nicht ein einzelner Fehler zu einem Schaden beim Patienten, sondern eine Verkettung unglücklicher Umstände. Um die Ursachen für Medikationsfehler besser zu verstehen, werden im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geförderten Projekts von Ärzten gemeldete Fallberichte zu Medikationsfehlern bei der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) erfasst und bewertet. Durch die systematische Analyse von Medikationsfehlern sollen Risikofaktoren identifiziert und Interventionen abgeleitet werden. Wichtig ist dabei, dass keine individuellen Schuldzuweisungen erfolgen sollen, sondern dass ein offener und transparenter Umgang mit Medikationsfehlern gefördert wird. Nur so könne es gelingen, die Patientensicherheit zu erhöhen.

Aktionsplan gegen Medikationsfehler

Das Bundeskabinett hat am 17.08.2016 einen neuen Aktionsplan beraten, der gemeinsam mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Apothekerschaft, der Deutschen Krankenhausgesellschaft, dem Aktionsbündnis Patientensicherheit, dem Deutschen Pflegerat und Patientenverbänden erarbeitet wurde. Der Aktionsplan umfasst 42 Maßnahmen mit folgenden thematischen Schwerpunkten: Sensibilisierung von Patienten, Ärzten, Apothekern, Pflegenden und der Öffentlichkeit für vermeidbare Risiken der Arzneimitteltherapie; Verbesserung der Informationen über Arzneimittel, Kennzeichnung von Arzneimitteln; Dokumentation der Arzneimitteltherapie und Messung der Arzneimitteltherapiesicherheit; Strategien zur Verbesserung der Sicherheit des Arzneimitteltherapieprozesses; Forschung im Bereich der Arzneimitteltherapiesicherheit; Organisation der Umsetzung und Fortschreibung des Aktionsplans.

Um Medikationsfehler zu vermeiden, bedarf es grundsätzlich der gemeinsamen Anstrengung aller Beteiligten, insbesondere von Ärzten und Apothekern, von Pflegekräften, aber auch Patienten selbst, um Risiken zu erkennen und zu minimieren. Entwickelt wurde bereits ein Infoblatt für Patienten mit Tipps für eine sichere Arzneimitteltherapie ( http://www.akdae.de/AMTS/Aktionsplan/Aktionsplan-2008-2009/docs/Informationsmerkblatt.pdf ). Mit der Einführung des Medikationsplans wird das Thema Polymedikation ebenfalls noch einmal stärker in den Fokus gerückt.

Es hapert eher an der Diagnose
Hausärzten wird im Vergleich zu anderen Fachärzten überproportional häufig eine fehlerhafte Diagnostik vorgeworfen (Diagnosevorwurf), was nicht erstaunt, ist doch der Hausarzt als "Lotse" derjenige, der den Patienten oft an weitere Fachärzte zur weiterführenden Diagnostik/Diagnosesicherung überweist, und damit – für den Patienten nicht immer erkennbar – der "Erste", der die richtige Diagnose stellt. Vor allem bei Hausbesuchen scheint die Fehlerquote erhöht, wohl auch deshalb, weil unter häuslichen Bedingungen nur eine eingeschränkte Diagnostik zur Verfügung steht.

Quelle: Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler bei der Ärztekammer Nordrhein

Es wird besser

Ärzte verschreiben älteren Patienten seltener Medikamente, die für sie ungeeignet sind oder sogar gefährlich werden können. Darauf wies der AOK-Bundesverband aus Anlass des Internationalen Tages der Patientensicherheit am 17. September hin. Er stand 2016 unter dem Motto "Gemeinsam Medikationsfehler vermeiden". Nach einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) ist der Anteil der AOK-versicherten Patienten ab 65 Jahren, die mindestens ein für sie potenziell riskantes Medikament von der sogenannten Priscus-Liste erhielten, von 29 % im Jahr 2006 auf knapp 19 % im Jahr 2015 gesunken. Der Trend hin zu mehr Medikationssicherheit für die Patienten setzt sich also fort. Gleichzeitig gewinnt das Thema Polymedikation an Bedeutung: So stieg der Anteil der AOK-versicherten Patienten ab 65, die 5 oder mehr Wirkstoffe im Quartal verschrieben bekamen, von 49 % im Jahr 2006 auf etwa 55 % im vergangenen Jahr.



Autor:
Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (4) Seite 33-34