Auch Langschläfer sehen den Sonnenaufgang: In Lappland geht die Sonne im Januar erst gegen 10 Uhr auf und bereits um 15 Uhr wieder unter. Wenn sie überhaupt zu sehen ist. Denn im Norden Finnlands kehren ab Oktober die Dunkelheit und die Kälte ein und bestimmen den Alltag bis zum Frühjahr. Stille und Entspannung sind ebenso garantiert wie viel Schnee. Ein Winterparadies mit besonderen Aktivitäten. Wer Glück hat, kann sogar das Nordlicht bestaunen.

Dem grauen frühlingshaften Winter in Deutschland entfliehen: Das ist mit Direktflügen nach Kittilä möglich. Nach rund zweieinhalb Stunden von Hannover geht es dann noch rund 30 Minuten mit dem Bus nach Ylläsjärvi im Pallas Nationalpark – dem drittgrößten Finnlands. Schneebedeckte Tannen und gefrorene Seen lassen das Winterherz ebenso höher schlagen wie die Loipen und Hügel, von denen auch Langlauf möglich ist.

Mit dem Rentierschlitten auf den See

Zuerst aber geht es auf dem Rentierschlitten auf Polarlichtsuche: Die Touristen treffen sich an der Hotelrezeption, um erst einmal mit der für diese Temperaturen angemessenen Kleidung ausgestattet zu werden. Der finnische Guide Arto schüttelt etwas mitleidsvoll mit dem Kopf, als er auf die deutsche Reiseausstattung blickt. Stattdessen reicht er einen Thermoanzug, dicke Stiefel und gefütterte Lederhandschuhe. All das ist bei minus 17 Grad nötig und wird über die eigene Kleidung gezogen. Ein Gesichtsschutz empfiehlt sich ebenso wie dicke Socken und lange Unterhosen.

Denn es geht auf dem Schlitten durch die Nacht. Auf Rentierfellen sitzend, mit einer dicken Decke zugedeckt, ist nur noch das Knirschen des Holzschlittens zu hören und das Schnaufen des hinteren Tieres, das mit einem Seil um den Kopf mit dem Ende des eigenen Schlittens locker verbunden ist. Langsam und gemütlich ziehen die Rentiere hintereinander gehend die Schlitten. Der Wind auf dem See ist stärker als im Wald. Dafür erhöhen sich hier die Chancen, die Polarlichter zu sehen: Doch der Himmel bleibt dunkel. Nach rund einer Stunde bleiben die Rentiere wieder am Ausgangspunkt stehen. Nur einige Tiere dürfen fotografiert werden. Die scheuen Vierbeiner freuen sich dafür über ein Leckerli in Form eines Moos-Klumpens, den die Guides verteilen. Zum Aufwärmen geht es noch ins finnische Kota: Ein Zelt, in dem das Feuer bereits für angenehme Wärme sorgt. Heißer Beerentee wärmt dann ebenso wie das finnische Würstchen, das mit Hilfe eines Stöckchens erst ins Feuer gehalten wird, bevor sich der Magen darüber freut.

Schlittenhunde wollen laufen

Am nächsten Morgen freuen sich vor allem die Huskys auf die bevorstehende Tour. 6 Huskys ziehen einen Schlitten: Ein Mensch sitzt darin, der andere steht dahinter und lenkt. Soweit das erforderlich ist. Denn auch die Huskys folgen ihren Vorderleuten, pardon, Vorderhunden. Doch die Huskys ziehen an ihren Schnüren; und sobald der Fuß von der Schlittenbremse genommen wird, erhöht sich das Tempo. Der Schlitten schnellt voran. Wer im Schlitten sitzt, ist mit den Hunden auf einer Höhe; eine neue Perspektive, aus der der Wald anders aussieht. Die Hunde hecheln, beißen ab und zu in den Schnee oder wenden schon mal den Kopf. Das ist bei kleinen Anstiegen ein Zeichen für den Lenker: Den Hunden helfen! Mit einem Bein vom Schlitten gehen, um ihn mitzuschieben. Außer Puste kommt dabei aber nur der Mensch. Denn die Tiere genießen die Tour. Bis zu 150 Kilometer können sie täglich laufen, am liebsten bei Temperaturen um die minus 15 Grad. Sonst kommen sie ins Schwitzen.

Von der Sauna in den Thermoanzug

Bevor es zur nächsten Abendaktivität geht, kann man sich in der Sauna des Hotels aufwärmen. Anschließend geht es mit Schneeschuhen durch den Wald. Mit minus 8 Grad ist es für finnische Verhältnisse geradezu mild. Der Thermoanzug kann diesmal im Hotel bleiben. Die dicken Stiefel aber kommen mit. Denn daran befestigen die Guides die Schneeschuhe, mit denen es sich herrlich durch den Schnee stapfen lässt, ohne tief einzusinken. Im Gegenteil. Das Gehen ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, dafür ist dieses Vorwärtskommen auch querfeldein möglich. Abseits der Wege gibt es im Schnee Spuren von Tieren zu entdecken, denn die weiße Pracht lässt die Dunkelheit auf besondere Weise leuchten. Der Wald scheint stillzustehen. Das Schneerieseln verzuckert auch die Menschen, die an der Hütte einen Zwischenstopp mit heißem Tee einlegen. Leider ist das Polarlicht trotz später Stunde wieder nicht zu sehen. Bereits an der Infowand im Hotel versprach die Polarlichtvorhersage nur eine geringe Wahrscheinlichkeit.

Informationen
Es gibt verschiedene Anbieter, die kombinierte Flug-, Hotel- und Ausflugsreisen nach Lappland anbieten (z. B. http://www.fintouring.de ). Wer auf eigene Faust in den Norden fliegt, kann sich die Ausflüge auch vor Ort buchen (z. B. über http://www.safartica.com ). Huskytouren oder Ausflüge mit Rentieren sind ebenso möglich wie Schneeschuhwanderungen oder Schneemobiltouren. Dieser Veranstalter bietet auch entsprechende Polarlichttouren an. Wer eine Tour mit dem Schneemobil machen möchte, muss einen Führerschein besitzen; es gilt die 0,0 Promille-Grenze. Darüber hinaus gibt es verschiedene Loipen für Langlauf. Winterspaziergänge sind ebenfalls möglich. Das Gebiet ist gut ausgeschildert.

Von Hannover und Stuttgart gibt es zwischen Mitte Januar und Mitte März Direktflüge nach Kittilä. Es gibt auch Fluggesellschaften, die das ganze Jahr über nach Helsinki fliegen; von dort kann man dann nach Rovaniemi oder Kittilä weiterfliegen.

Ylläsjärvi ist ein Dorf am gleichnamigen See, das sich im Pallas-Yllästunturi Nationalpark befindet. Der drittgrößte Nationalpark in Finnisch-Lappland umfasst ein Gebiet von 1.020 km².

Das Snow Village ist ein Hotel aus Eis und Schnee, das jährlich neu erbaut wird ( http://www.snowvillage.fi ). Wer sich näher mit Finnland beschäftigen möchte, findet viele Tipps und Informationen auf der Seite von http://www.visitfinland.com .

Macht nichts. Denn bereits am nächsten Morgen wartet mit dem Schneemobil eine weitere Besonderheit. Jetzt ist der Thermoanzug wieder Pflicht, ebenso wie Helm und Sturmhaube. Alles verteilen die finnischen Guides, bevor es eine Einweisung in die Fahr- und Bremstechnik gibt. Bis zu 60 Stundenkilometer sind für Profis erreichbar. Die Anfänger sind froh, wenn sich das Gasgeben, Bremsen und Lenken nach einiger Zeit besser als holprig verbinden lässt. Denn einfach ist das Fahren nicht. Zwar gibt es extra Wege für die Schneemobile, doch an dem Schlittern und Schlingern lässt sich nichts ändern. Wer das als Begleiterscheinung akzeptiert, kommt gut voran. Und kann bei einem Sonnentag durch eine beeindruckende Schneelandschaft rauschen. Die Sonne strahlt hinter den Bäumen, der Schnee glitzert und die Kälte dringt trotz der vielen Schichten nach einiger Zeit durch den Overall.

Zum Aufwärmen geht es dann ins Eishotel. Oder vielleicht doch lieber erst ins angrenzende Café des "Snow Village". Denn hier ist es warm, und bei einer leckeren finnischen Zimtschnecke und einer heißen Tasse Schokolade sind die Füße nach einiger Zeit wieder spürbar. Dann schauen wir uns die Hotelzimmer an. Wunderbare, nach verschiedenen Themen entstandene Eiskreationen verzieren die Räume und Betten; anstelle der Zimmertür gibt es einen Stoffvorhang. Etwas kühl ist es allerdings bei rund minus 2 Grad schon. Wer mag, kann auch im Eistrauzimmer heiraten und seine Gäste in der Eisbar bewirten. Manche mögen´s kalt.

Das Polarlicht macht sich rar

Auch in dieser Nacht wollen wir unser Glück noch einmal versuchen. Also wagen wir uns wieder auf den See. Denn zwischen 21 und 1 Uhr sollen die Polarlichter am besten zu sehen sein. Wieder heißt es: rein in die Thermoausrüstung und raus aus dem warmen Hotelzimmer in die Kälte von minus 25 Grad. Die Sturmhaube wärmt zwar das Gesicht, aber durch das Atmen durch den Stoff beschlagen die Brillengläser sofort und frieren leicht zu. Wer lieber etwas sehen will, zieht die Gesichtsbedeckung hinunter und muss nur ein Taschentuch für die tropfende Nase dabeihaben. Und eines zum Wechseln, denn das Benutzte gefriert in der Tasche. Dafür ist es auf dem gefrorenen See Ylläsjärvi sehr dunkel. Die Straßenlaternen werden in dieser Region bereits um 22 Uhr ausgeschaltet – damit die Touristen das Nordlicht besser sehen können. Doch auch in dieser Nacht haben wir kein Glück. Als die Kälte trotz Mehrfachschichtung nicht mehr auszuhalten ist, geht es zurück zum Hotel. Dann machen wir uns eben im nächsten Jahr wieder auf die Polarlichtsuche. Denn schön war es ja schon. Sehr schön und schön kalt.



Autor:
Maren Landwehr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (20) Seite 120-124