"Die Medizin wird weiblicher" ist ein oft gehörtes Statement. Tatsächlich wächst die Zahl der Frauen, die ein Medizinstudium absolvieren, seit Jahren. Und auch bei den Hausärzten gründen inzwischen mehr Frauen als Männer eine Praxis. Spätestens wenn es darum geht, sich mit einer eigenen Praxis niederzulassen, sehen sich viele angehende Ärztinnen vor dem Problem, wie sich die Ansprüche von Familie und Beruf miteinander vereinbaren lassen. Wir sprachen mit Sandra Blumenthal, Ärztin in Weiterbildung (AiW) und Mutter von 2 Kindern, wie sie mit dieser Herausforderung umgeht. Frau Blumenthal ist im Vorstand der JADE (Junge Allgemeinmedizin Deutschland) für den Bereich Weiterbildung zuständig.

Der Allgemeinarzt: Sie sind gerade als Ärztin in Weiterbildung in einer pädiatrischen Praxis tätig. Haben Sie das Ziel, nach Ihrer Weiterbildung Hausärztin zu werden?

Sandra Blumenthal: Mehr denn je. Ich brenne darauf! Seit meinem Examen habe ich in der Inneren Medizin, der Chirurgie, der Psychiatrie, der Rehabilitationsmedizin und jetzt zuletzt in der Kinderheilkunde gearbeitet. Bei meiner ersten Stelle in der Gastroenterologie hat man mir einen Facharztvertrag angeboten: zur Fachärztin für Innere Medizin, Gastroenterologie. In der Weiterbildung sollte ich mir einen onkologischen Schwerpunkt aneignen. Ich hatte gerade erst begonnen, klinisch zu arbeiten – und schon wurde mir geraten, mich die nächsten 30, 40 Jahre nur einem winzigen Ausschnitt der Medizin zu widmen. Unterm Strich bleibt neugierigen, wissensdurstigen jungen Ärztinnen doch heute fast nur noch die Allgemeinmedizin – denn da können sie sich bis zur Rente permanent weiterentwickeln. Und sich immer wieder – zusammen mit ihren Patienten – neue Wissensgebiete erschließen.

Sie haben 2 Kinder, wie vereinbaren Sie derzeit die Familie und den Beruf?

In meiner jetzigen Praxis sind Familie und Beruf noch recht leicht zu organisieren. Ich arbeite Teilzeit und die Praxis ist gerade 20 Minuten mit dem Fahrrad von uns zuhause entfernt. Ab Mai 2017 wird es sicher ein bisschen schwieriger. Da werde ich in einer Praxis in Brandenburg Vollzeit anfangen. Das bedeutet einen deutlich längeren Arbeitsweg – und deutlich mehr Arbeitszeit in der Praxis.

Das Nebeneinander von Beruf und Familie würde aber nicht funktionieren, wenn ich mich nicht auf meinen Mann verlassen könnte. Wir haben uns als Paar nie auf feste Rollen festgelegt, aber die äußeren Umstände haben dazu geführt, dass ich in den ersten Jahren etwas mehr für die Kinderbetreuung zuständig war. Im kommenden Jahr ändern wir das einfach etwas. Mit der deutlich verbesserten Bezahlung in der ambulanten Weiterbildung ist es mir auch endlich möglich geworden, mehr finanzielle Verantwortung für die Familie zu übernehmen. Das ist ein unglaublich wichtiger Schritt für mich. Ohne einen Ehemann, der gleichzeitig auch ein echter Partner, Freund, Förderer und Leidensgenosse ist, hätte ich mir diesen Schritt aber vermutlich nicht zugetraut.

Wollen Sie sich später mit einer eigenen Praxis niederlassen oder eher angestellt arbeiten?

Wenn Sie mir diese Frage noch vor 2 Jahren gestellt hätten, hätte ich vermutlich mit "angestellt" geantwortet. Inzwischen habe ich aber viele Frauen kennengelernt, die die eigene Praxis gut mit der Familie vereinbaren. Vor kurzem habe ich eine Bekannte besucht, die als Mutter von 2 kleinen Kindern gerade ihre eigene Praxis gründet. Welche Arbeitszeiten zu ihrer persönlichen Situation passen, kann sie selbst entscheiden, denn sie ist die Chefin. Das hat mich beeindruckt. Ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber um es kurz zu machen: Ja, inzwischen wünsche ich mir meine eigene Praxis. Gerne mit ein, 2 KollegInnen. Ich bin in der Medizin eher ein Teamplayer.

Wo sehen Sie die größten Hemmnisse für Frauen mit Kind(ern) sowohl hinsichtlich der Weiterbildung als auch einer evtl. späteren Niederlassung?

Ein Hemmnis sind vielleicht wir selber – und unsere Männer. Kinderbetreuung ist immer noch Frauensache. Mehr als zwei Drittel aller Frauen mit minderjährigen Kindern arbeiten in Deutschland Teilzeit. Bei Männern sind es gerade 6 %. Es gibt keinen angeborenen Reflex oder einen Instinkt, der ausschließlich uns Mütter für die Kinderbetreuung qualifiziert. Wir tun das, weil wir und die Gesellschaft es so wollen. Aber natürlich gibt es auch in meinem Leben Tage, da muss ich mir das sehr oft und sehr laut sagen. Vielleicht müssen wir einfach anerkennen, dass auch Ärztinnen mit Kindern diesen Weg in die Teilzeit freiwillig gehen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich verbringe sehr gerne sehr viel Zeit mit meiner Familie. Aber das ist eine freiwillige Entscheidung und kein Reflex oder ein Instinkt.

Es gibt aber auch ganz konkrete Hemmnisse in den Bereichen Weiterbildung und Niederlassung für Ärztinnen mit Kind: Als Erstes brauchen wir eine bundesweit einheitliche Weiterbildungsordnung. Hausärztinnen heiraten nicht zwingend Hausärzte. In vielen anderen Berufen ist berufliche Mobilität und Flexibilität eine absolute Notwendigkeit. Wenn eine Ärztin wegen ihres Lebenspartners im sagen wir 5. Weiterbildungsjahr von Berlin nach Bayern zieht, fällt sie womöglich 2 Jahre in ihrer Weiterbildung zurück. In Berlin sind 12 Monate Innere Medizin obligat, in Bayern sind es 36 Monate. Und jetzt stellen Sie sich das bei einer teilzeitarbeitenden Ärztin mit Kind vor. Das ist doch zum Verrücktwerden!

Für viele Ärztinnen mit Kind sind zudem die Sprechstundenzeiten einiger Einzelpraxen ein Problem. Was nützt eine ausgedehnte Mittagspause, wenn man dreimal die Woche bis 19 Uhr in der Praxis anwesend sein muss? Kinderbetreuungseinrichtungen haben immer mittags geöffnet, aber selten nach 18 Uhr. Wenn ich meine Weiterbildung in Vollzeit machen möchte, muss ich natürlich auch die Besonderheiten einer Nachmittags- oder Abendsprechstunde kennenlernen. Das ist klar. Insbesondere für berufstätige Mütter müssen aber individuelle Regelungen möglich sein. Für mich persönlich wären beispielsweise 2 sehr lange Tage einfacher zu organisieren als 3 oder 4 Nachmittagssprechstunden bis 17 Uhr. Gemeinschaftspraxen können häufig etwas flexibler auf die individuellen Bedürfnisse von Müttern reagieren. Das ist sicher ein großer Vorteil für Ärztinnen in Weiterbildung.

In der Niederlassung brauchen wir vor allem mehr Flexibilität. Wenn in HzV-Verträgen Müttern Abendsprechstunden bis 20.30 Uhr vorgeschrieben werden, dann ist das mehr als ungünstig. Gleiches gilt für vorgeschriebene frühe Öffnungszeiten um 7 Uhr. Manche Eltern können das realisieren, andere nicht. Manche können es vielleicht in den ersten 3 Jahren der Niederlassung nicht realisieren – und später dann doch. Daraus darf Niedergelassenen mit Kind jedoch kein Nachteil entstehen. Solche Nachteile lassen junge Ärztinnen vor der Selbstständigkeit zurückschrecken! Schön wäre es zudem, wenn man Anteile seines KV-Sitzes in den ersten 3 Jahren nach der Geburt eines Kindes ruhen lassen könnte. Ich denke, die wenigsten erfahrenen Praxisinhaberinnen würden dieses Angebot in Anspruch nehmen. Vielleicht wirkt diese Option aber entängstigend auf junge Frauen, die vor der Entscheidung stehen, eine Praxis zu übernehmen – und noch keine abgeschlossene Familienplanung haben. Vertreterregelungen müssen zudem für Eltern in der Niederlassung flexibel möglich sein. Ich denke, wir brauchen in diesem Bereich vor allem mehr Öffentlichkeitsarbeit. Viele junge Frauen denken immer noch, in der eigenen Praxis muss ich 24 Stunden 7 Tage die Woche für meine Patienten da sein – ob mein Kind krank ist oder nicht.

Wir brauchen außerdem einen "Mutterschutz". Monika Buchalik, Hausärztin und Vizepräsidentin der Landesärztekammer Hessen, hat in einem Interview vorgeschlagen, Mütter 3 Jahre nach der Geburt des Kindes von den KV-Diensten freizustellen. Alle Mütter, denen ich das bisher erzählt habe, waren begeistert. Mutterschutz muss in diesem Zusammenhang auch heißen, dass Fachärztinnen bis zu 3 Jahre nach der Geburt eines Kindes von der Fortbildungspflicht von 250 CME-Punkten in 5 Jahren entlastet werden. Vielleicht könnte man diese Anforderung für Eltern sehr kleiner Kinder halbieren. In jedem Fall muss es möglich sein, ausreichend CME-Punkte bei Fortbildungen zuhause am Computer zu sammeln. Auch Mütter mit kleinen Kindern möchten sich fortbilden – aber manchmal ist es einfach sehr, sehr schwer, an den Abenden einen Babysitter zu finden.

Außerdem müssen die Regeln der Niederlassung wieder erlern- und beherrschbar werden. In der "Rushhour des Lebens" können Sie sich nicht mit einem Regel- und Bürokratiemonster herumschlagen, das selbst erfahrene KollegInnen in die Resignation treibt. Wenn es den politischen Willen gibt, eine längerfristige hausärztliche Versorgung dauerhaft und flächendeckend in diesem Land sicherzustellen, dann muss sich dieser Wille in einer positiven und wohlwollenden Haltung gegenüber HausärztInnen niederschlagen. Dazu gehört auch die Entbürokratisierung in der Niederlassung und die Entängstigung von Niederlassungswilligen durch den Wegfall bzw. die Abmilderung drakonischer Strafmaßnahmen in der Selbstständigkeit.

Was sollte/müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um die Familie und den Beruf der Allgemeinärztin besser miteinander vereinbaren zu können?

Ich glaube vor allem, wir brauchen mehr positive Rollenbilder von Frauen, die Beruf und Familie in der Allgemeinmedizin vereinbaren. Wir brauchen sichtbare und erlebbare Vorbilder, die uns Tipps geben, wie frau alles unter einen Hut bringen kann. Dann muss nicht jede angehende Hausärztin das Rad neu erfinden. Vielleicht brauchen wir Frauen aber auch mehr Mut zur Kontroverse: Mit unseren Männern, die mehr Aufgaben in der Kinderbetreuung übernehmen müssen. Mit unseren WeiterbildnerInnen, von denen wir familienfreundliche Weiterbildungsmodelle fordern dürfen. Und mit PolitikerInnen und BerufspolitikerInnen, denen wir Forderungen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie als HausärztInnen abringen dürfen. Ich glaube, dass das Nebeneinander von Allgemeinmedizin und Familie etwas ist, für das es sich zu streiten lohnt. Weil es einfach das Beste ist, was einem passieren kann! Ich persönlich möchte jedenfalls auf keines von beiden verzichten.



Das Interview führte Dr. Ingolf Dürr

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (1) Seite 30-33