Ende Oktober war es wieder so weit. Der Hausärzteverband lud anlässlich der Practica in Bad Orb zum mittlerweile schon traditionellen politischen Oktoberfest ein. Zwei Dinge stachen in diesem Jahr besonders ins Auge. Die Bierbänke waren so voll belegt, wie schon seit Jahren nicht mehr. Und noch nie saßen so viele junge Allgemeinärzte beim Oktoberfest so froh gelaunt beisammen.

Das erste von zwei Hauptthemen des Abends riss die Jungmediziner aber kaum von den Sitzen, ging es doch um schwer verdauliche Kost bis hin in die tiefsten Abgründe des Gesundheitssystems, in die viele junge Allgemeinärzte niemals hineingeraten wollen. TK-Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baas hatte den Stein mit einer Selbstanklage ins Rollen gebracht. Sein Vorwurf an die Kassen und die Ärzte: Ärzte würden von den Kassen mit Prämien dazu verleitet, die Diagnostik darauf auszurichten, ihre Patienten kränker zu schreiben, als sie tatsächlich sind. Nach Ansicht des Deutschen Hausärzteverbands (DHÄV) geht es dabei aber primär darum, wie viel Geld die Kassen aus dem Risikostrukturausgleich für sich abschöpfen können. Für das eigene Versagen der Kassen würden nun die Ärzte vorgeschoben.

Kommen jetzt die Kodierrichtlinien?

Noch drastischer drückte es der Hofheimer Allgemeinarzt Dr. Gerd Zimmermann aus. Die nun eingeforderte Kodierung sei ein "abgekartetes Spiel" der Kassen selbst, mutmaßt der Abrechnungsexperte des DHÄV. Nicht anders sei es zu erklären, dass nur kurze Zeit nach dem Vorstoß von Jens Baas die AOK Kodierrichtlinien eingefordert hat. An diesen Kodierungen, die laut DHÄV-Hauptgeschäftsführer Eberhard Mehl dem "perversen Wettbewerb der Klassen" dienen, wird wohl nun kein Weg mehr vorbeigehen. Für die Ärzte werde damit eine "Schreckensspirale" in Gang gesetzt. Diese werde zu einem "bürokratischen Overkill" führen, der letztlich zulasten der Ärzte und auch der Patienten ausgetragen wird, fürchtet Dr. Hans-Michael Mühlenfeld, Tagungspräsident der Practica.

Mit überbordender Bürokratie werden viele Allgemeinärzte auch im KV-System traktiert. Zum Beispiel bei der Abrechnung. Doch da gebe es nun heute für jeden Hausarzt eine Alternative, frohlockte Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des DHÄV. Und das sind die Hausarztverträge, die der Hausärzteverband mittlerweile bundesweit im Rahmen der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) fest im System als zweite Versorgungssäule für derzeit 4,23 Millionen eingeschriebene Versicherte etabliert hat. Das sieht die Allgemeinärztin Monika Buchalik, Vizepräsidentin der Landesärztekammer Hessen, inzwischen genauso. Lange Zeit sah sie die Selektivverträge kritisch, ist nun aber von der HzV überzeugt, weil es den Hausärzten damit "richtig gutgeht". Der hessische Delegierte im Hausärzteverband Dr. Klaus Meyer brachte die Stimmung der rund 1.100 Practica Teilnehmer beim Oktoberfest am besten auf den Punkt: "Bei KV-Patienten denke ich an Ausschluss und Abrechnung, bei HzV-Patienten an Medizin und Versorgung."

Monopol für Selektivverträge

Kein Wunder also, dass die Teilnehmerzahlen in der HzV nach Darstellung von Ulrich Weigeldt "über die Jahre stetig im knappen zweistelligen Bereich" angestiegen sind. Und die Daten sind tatsächlich durchaus beeindruckend. So gibt es derzeit 72 bundesweite HzV-Verbundverträge nach Paragraf 73b SGB V sowie 580 Vertragsabschlüsse der Landesverbände des Hausärzteverbandes mit den Krankenkassen in den Regionen, mit denen inzwischen ein Honorarvolumen von knapp 1,1 Milliarden Euro bewegt wird. Die HzV-Hausärzte können sich im Schnitt auf einen Quartalsfallwert freuen, der rund 30 % über dem KV-Fallwert liegt.

Trotz dieser nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung und trotz der imposanten Bilanz forderte der Hausärzteverband bei der Practica ein Monopol für Selektivverträge. Das würde das Aus der über die KVen abgeschlossenen Add-on-Verträge bedeuten.

Denn nach Ansicht von Hauptgeschäftsführer Eberhard Mehl könnten die hausärztlichen Interessen angesichts der Dominanz der Fachärzte und neuerdings auch von deutlich mehr angestellten Ärzten in der Selbstverwaltung immer weniger durchgesetzt werden. Daher sei es dringend nötig, die Tarifautonomie des DHÄV noch weiter zu stärken. Zudem müssten neue Anreize geschaffen werden, um noch mehr Hausärzten und Patienten die Selektivverträge schmackhaft zu machen. Denkbar seien z. B. Zuzahlungsbefreiungen von Arzneikosten oder vergünstigte Wahltarife für Versicherte, wenn sich diese in Selektivverträge einschreiben. Und schließlich müssten künftig mehr und mehr die Spezialisten mit in die Verträge einbezogen werden. Vorbild hierfür könnten die bereits gut funktionierenden Facharztverträge in Baden-Württemberg oder auch die vom Hausärzteverband initiierten Versorgungslandschaften sein. Laut Mehl beinhalten diese Modelle "komplette Steuerungsmodule", von denen auch die Fachärzte profitieren.

Hausarztpraxis ist die beste Geldanlage

Wie gut die Hausärzte mit der HzV auch finanziell abschneiden, stellte der hessische Landesverbandsvorsitzende Armin Beck am Beispiel des neuen Vertrages mit der AOK-Hessen dar. Ein Fallwert von 86 Euro mit nur zwei Ziffern ohne bürokratischen Ballast. Hausärzte-Chef Weigeldt war davon so angetan, dass er gleich in die Rolle des Geldberaters für seine allgemeinärztlichen Kollegen schlüpfte: "Derzeit gibt es keine bessere Geldanlage, als eine Hausarztpraxis aufzumachen."

Dennoch ist es erstaunlich, dass kaum jemand in Bad Orb auf die Euphoriebremse trat, zumal ja immer noch zwei Drittel aller Hausärzte der HzV die kalte Schulter zeigen. Denn es stellt sich ja schon die Frage, ob knapp 17.000 Hausärzte, die sich bisher in einen HzV-Vertrag eingeschrieben haben, ein "phantastisches Ergebnis" sind, oder ob man angesichts dieser Zahl von Jubelstürmen absehen sollte, weil daraus ja folgt, dass 35.000 Hausärzte in Deutschland bisher nicht von den Vorteilen der HzV überzeugt werden konnten. Doch die Skeptiker waren beim Oktoberfest eindeutig in der Minderheit. Lediglich der Bremer Allgemeinarzt Günther Egidi, Sektionssprecher Fortbildung in der DEGAM, gab zu bedenken, dass mit den HzV-Verträgen nicht die Mortalität verbessert werden konnte. Und Dr. Michael Kulas, Vorsitzender des Hausärzteverbandes im Saarland, warf ein, dass nicht alle Hausärzte für die HzV ausreichend qualifiziert seien. Doch beide sehen ebenfalls in der Vertragshoheit des Hausärzteverbandes für Selektivverträge keine Alternative.

HzV soll KV-System schwächen

Eberhard Mehl und Ulrich Weigeldt rührten daher bei der Practica so laut wie nie zuvor die Werbetrommel für die HzV. Dies insbesondere auch deshalb, weil jeder Hausarzt mit seiner Einschreibung in die HzV auch ein politisches Signal setze und damit das KV-System weiter schwäche. Baden-Württemberg ist hierfür das beste Beispiel. Dort haben jetzt die Hausärzte nicht nur florierende Honorare, sondern in der KV auch die Mehrheit und damit die Macht, verkündete Dr. Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbands Baden-Württemberg, in Bad Orb.

Ein Thema – die Potenziale der Delegation – blieb jedoch etwas überraschend beim berufspolitischen Oktoberfest außen vor, obwohl sich viele Workshops bei der Practica dieser Thematik widmeten: Sicherlich lag dies auch daran, dass zeitgleich VERAHs und MFAs – ebenfalls beim geselligen Beisammensein – unter sich blieben. Schade eigentlich, prägte doch das Thema Teampraxis, deren besonderen Stellenwert auch die frisch gekürte DEGAM-Vorsitzende Prof. Erika Baum herausstellte, diese Practica so stark wie nie zuvor. Und gerade bei einem Oktoberfest wäre doch die Gelegenheit günstig, gemeinsam politisch in die Offensive zu gehen und darauf anzustoßen, um in Zukunft noch enger zusammenzurücken. Vielleicht eine gute Idee für das nächste Jahr, das Berufspolitische Oktoberfest in Bad Orb würde damit noch bunter werden, als es ohnehin schon ist.



Raimund Schmid

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (19) Seite 38-41