Je nachdem, in welcher Region Deutschlands wir leben, werden wir in den kommenden knapp anderthalb Jahrzehnten einen mehr oder weniger rasanten Bevölkerungswandel erleben. Während weite Teile Ostdeutschlands überproportional altern und an Bevölkerung verlieren, bleiben die Ballungszentren relativ jung und wachsen oft noch. Das liegt unter anderem am niedrigen Altersdurchschnitt der zugewanderten Bevölkerungsteile.

Gleichzeitig werden wir Zeuge veränderter Sozialstrukturen. Das Deutschland des Jahres 2030 wird mehr dem Frankreich oder Großbritannien von heute ähneln. Dabei wird der sozioökonomische Status immer wichtiger für den Gesundheitszustand der Menschen. Die Gefahr einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich wird sich zunehmend auch in der Morbidität der Bevölkerung niederschlagen.

Die steigenden Kosten des Gesundheitswesens werden nur sehr begrenzt von der Gesetzlichen Krankenversicherung aufgefangen werden. Dagegen wird der privat getragene Anteil kontinuierlich steigen. Die größten Veränderungen werden sich im Bereich der Versorgungsorganisation abspielen. Die traditionellen Leistungserbringer werden sich der Konkurrenz durch neue privat und kommerziell organisierte, hochmoderne Versorgungsanbieter gegenübersehen. Wollen wir Ärzte hier zukünftig mithalten, müssen wir uns ebenfalls zu effizient geführten und am Gesundheitsnutzen der Patienten ausgerichteten kooperativen Strukturen zusammenfinden.

Die Rolle der Kassenärztlichen Vereinigungen wird auf regulative und koordinierende Aufgaben schrumpfen. Mehr Mitsprache bekommen hingegen die Vertreter der Kommunen. Eine hohe Datenverfügbarkeit bei Ärzten und Patienten wird mit zunehmender Selbstdiagnose und Selbstmanagement von Krankheit durch unsere Patienten einhergehen. Zugleich wird die disruptive Kraft der Digitalisierung eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit.

Auch das Tätigkeitsspektrum der Ärzte wird sich wandeln: Zentrale Aufgabe gerade von Hausärzten wird eine Entscheidungsunterstützung durch Einbindung fachlicher Expertise sein. Patienten haben 2030 oft kein Informationsdefizit mehr, wohl aber ein Defizit im Bereich der Entscheidungskompetenz. Glaubwürdigkeit, Empathie und Vertrauen werden weiter von größter Bedeutung sein. Zentrale Aufgabe von erfolgreichen Ärzten wird eine individualisierte, kultur- und schichtsensible Kommunikation zwischen Arzt und Patient werden. Mehr unter http://www.deutsche-aerztenetze.de/vision_2030 .



Autor:

Dr. med. Veit Wambach

Facharzt für Allgemeinmedizin
Vorsitzender des Gesundheitsnetzes Qualität und Effizienz eG (QuE), stv. Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes sowie Vorsitzender der Agentur deutscher Arztnetze
90411 Nürnberg

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (20) Seite 3