Kongressbericht: Der Umgang mit Demenzkranken in unserem Gesundheitssystem lässt oft zu wünschen übrig. Experten in Wien fordern ein Umdenken in Medizin und Pflege und neue Modelle der Betreuung.

Der Umgang mit Demenzkranken stellt Pflegende, Angehörige und Ärzte vor große menschliche und ethische Herausforderungen. Prof. Dr. Dr. h.c. Dipl.-Psych. Andreas Kruse, Gerontopsychologe und Direktor des Instituts für Gerontologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, plädiert für einen neuen Umgang mit der Verletzlichkeit des Menschen. "Die Würde des Menschen ist nicht graduierbar." Er spricht von den "Inseln des Selbst" des Demenzkranken: Diese seien keine "entkernten Personen". Jeder trage seine eigene, sehr persönliche Geschichte in sich. Einen Menschen nur von seinen Pathologien her zu definieren, verstoße gegen die Menschenwürde, betont Kruse.

Schmerzen werden bei den Demenzkranken systematisch unterschätzt und fehlgedeutet, erklärt Angelika Feichtner, MSc, Dozentin für Palliative Care an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) Salzburg. "Schmerzäußerungen der Demenzkranken – wie zielloses Rufen, Schreien oder Aggression – passen nicht in unser Schema." Statt einer Schmerztherapie erhalten sie Psychopharmaka (mit starken Nebenwirkungen) zwecks Ruhigstellung, kritisiert Feichtner. Sie unterstreicht die Notwendigkeit einer "systematischen Schmerzerfassung" sowie Empathie als Schlüsselkompetenz. Studien zeigen, dass eine adäquate Schmerztherapie zu einer signifikanten Reduktion von Agitation und aggressivem Verhalten bei Menschen mit Demenz führt.

Mindestens jeder fünfte Patient, der ins Krankenhaus eingeliefert wird, hat die Nebendiagnose Demenz. Allerdings: Weder Ärzte noch Pflegepersonal sind darauf vorbereitet. Auf dieses Problem weist der deutsche Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung, Köln, hin. "Für Menschen mit Demenz ist das Krankenhaus eine ,ver-rückte‘ Welt, sie fallen aus dem Rahmen der standardisierten Prozesse." In der ungewohnten Umgebung entwickeln sie oft Ängste, versuchen, die Klinik zu verlassen, und können bei Diagnose, Behandlung und Körperpflege nicht mitwirken. "Ihr Zustand verschlechtert sich im Krankenhaus", erläutert Isfort. Hochgerechnet auf alle Krankenhäuser würden in Deutschland pro Jahr rund 2,6 Mio. sedierende Medikamente verabreicht und rund 500.000 "meist unnötige" Fixierungen vorgenommen. Der Experte zeigte auf, welche Chancen sogenannte demenzsensible Krankenhäuser bieten, die eigene Zimmereinheiten für demenzkranke Patienten eingeführt haben. In ganz Deutschland gibt es rund 20 solcher Special Care Units in Akutkrankenhäusern.

Demenz ist keine Schande

Dass das Alter und seine Einschränkungen zunehmend per se als Krankheit definiert würden, hinterfragt der Gießener Soziologe Prof. Dr. Dr. Reimer Gronemeyer. Da eine "Pille gegen die Demenz" in den kommenden 30 Jahren nicht zu erwarten sei, müsse die soziale Dimension der Demenz ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Menschen mit Demenz dürften nicht nur als Versorgungsfälle gesehen werden: "Wir brauchen eine Kultur, in der es nicht schändlich ist, dement zu sein." Positive Entwicklungen seien in Deutschland die bereits 80 bis 90 bestehenden demenzfreundlichen Gemeinden, die zivilgesellschaftlich und ehrenamtlich organisiert sind.

Prof. Dr. Enrique H. Prat de la Riba, Ethiker und IMABE-Generalsekretär, unterstreicht die tugendethische Dimension im Umgang mit Demenzkranken: Menschen mit Demenz, egal in welchem Stadium sie sich befinden, brauchen ein Umfeld, das sich auf sie einlässt. Pflege ist keine Einbahnstraße. "Angehörige und Professionelle sind gefragt, sich gegenüber dem Demenzkranken auf eine Dynamik des Gebens und Empfangens einzulassen."

Genehmigter und bearbeiteter Nachdruck aus DAM – Die Allgemeinmediziner 10/2016


Quelle:
Symposium "Der Demenzkranke als Mitmensch: Herausforderungen an Pflege und Medizin", 18. November 2016, Wien


Bericht:
Mag. Susanne Kummer




Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (4) Seite 44-45