Beim diesjährigen Bayerischen Hausärztetag konnte Dr. Dieter Geis, der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands (BHÄV), endlich Vollzug melden. Der „HzV-Verhinderungsparagraf 5a“ ist weg. Diesen Erfolg schreibt der BHÄV nicht zuletzt der Geschlossenheit und Beharrlichkeit der Hausärzte in Bayern zu. Debattiert wurde, ob dies ein wichtiger Schritt hin zu einem Primärarztsystem sein könnte. Die Politik – zumindest in Bayern – zeigt sich nicht abgeneigt. Doch vorerst hat man noch mit anderen Problemen zu kämpfen, wie zum Beispiel mit der lästigen Regressbedrohung.

Bevor es richtig losgeht in der Nürnberger Meistersingerhalle, soll ein in Endlosschleife laufendes Video, unterlegt mit einpeitschender Musik, für die richtige Stimmung sorgen. Gezeigt werden die Stationen der letzten Monate, mit denen nicht zuletzt die Vertreter des BHÄV sich bei der Gesundheitspolitik dafür stark gemacht haben, die leidige Refinanzierungsklausel aus den Hausarztverträgen wieder zu tilgen.

Gewürdigt wird auch die Unterstützung, die man dabei durch die CSU-geführte bayerische Landesregierung erfahren hat. Entsprechend freundlich begrüßt wurde daher auch Melanie Huml, die Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, die in ihrer kurzen Ansprache die Chance nutzte, um selbst klarzustellen, wie sehr sich die CSU bei den Koalitionsverhandlungen für die Belange der Hausärzte eingesetzt hatte und dass sie sich auch weiterhin nachdrücklich hinter die Hausärzte stellen werde.

HzV als freiwilliges Primärarztsystem

BHÄV-Chef Geis zeigte sich deutlich zufrieden mit der derzeitigen Situation. Selten hatte man die Vorstandsriege der bayerischen Hausärzte so entspannt gesehen in den letzten Jahren. Doch mit dem bisher Erreichten will man sich nicht zufriedengeben. Man müsse das deutsche Gesundheitssystem zu einem Primärarztsystem weiterentwickeln, um allen Menschen eine bestmögliche Versorgung zu garantieren, die aber gleichzeitig finanzierbar bleibt. Die Patienten bräuchten einen zuverlässigen und kompetenten Koordinator, der keine eigenen wirtschaftlichen Interessen vertritt. Der Hausarzt müsse deshalb als erster Ansprechpartner fest im Gesundheitssystem verankert werden. Geis sieht die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) als einen Schritt hin zu einem solchen Primärarztsystem. Im Gegensatz zu anderen Ländern wäre dieses System aber freiwillig für die Patienten.

Eine Absage erteilte Geis dem aus der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) laut gewordenen Vorschlag, dass Teile der HzV in die Regelversorgung übergehen könnten. Im Koalitionsvertrag stehe, dass die Kassen einen alternativen Versorgungsweg anbieten müssten. Natürlich gebe es die Möglichkeit, so Geis schmunzelnd, dass die HzV selbst zur Regelversorgung wird. Das könnte ein Ziel sein, aber dazu bräuchte man dann keine Körperschaft mehr.

Bei der Podiumsdiskussion mit Repräsentanten der im Landtag vertretenen Parteien wollte sich so recht niemand gegen die Idee eines Primärarztsystems aussprechen. Allerdings ist auch klar, dass dies gegen den Willen der CDU in absehbarer Zeit nicht passieren wird. Lediglich die Freien Wähler gaben zu bedenken, dass die freie Arztwahl in Deutschland ein hohes Gut sei. Ein Primärarztsystem auf freiwilliger Basis wäre aber auch für sie denkbar. In Bayern scheint es derzeit also so etwas wie eine „Super-GroKo“ zu geben.

Damoklesschwert Regress

Vordringlicher als das noch etwas ferne Ziel eines Primärarztsystems ist aber der bedrohliche Mangel an jungen Hausärzten. Jeder vierte Hausarzt in Bayern ist über 60 Jahre alt und wird sich in der nächsten Zeit in den Ruhestand verabschieden. Nachfolger finden sich kaum noch. Jede Woche schließt deshalb im Freistaat eine Hausarztpraxis für immer.

Als ein Hindernis, das junge Mediziner davon abhält, sich als Hausarzt niederzulassen, hat man die nach wie vor vorhandene latente Existenzbedrohung durch Regresse ausgemacht. „In der Regel sind die Regressverfahren gegen Ärzte ungerechtfertigt und werden eingestellt. Aber selbst wenn es dem betroffenen Kollegen am Ende gelingt, das Regressverfahren abzuwenden, kostet das viel Zeit, Geld und Nerven. Ich kann deshalb junge Mediziner verstehen, die sich diesem Risiko nicht aussetzen wollen und eine Festanstellung in einem Krankenhaus vorziehen“, so Geis. Als aktuelle Maßnahme werde der BHÄV deshalb eine Umfrage unter den Hausärzten starten, um valide Daten über ungerechtfertigte Regressverfahren zu sammeln, auszuwerten und öffentlich zu machen. Gleichzeitig würden Politik und Krankenkassen aufgefordert, die Versicherten über die zentralen Verschreibungsregeln für Medikamente sowie Heil- und Hilfsmittel aufzuklären. „Wir Hausärzte lassen uns nicht mehr länger den Schwarzen Peter zuspielen. Wir werden deutlich machen, wer wirklich dafür verantwortlich ist, wenn auf Kosten alter und kranker Menschen gespart wird“, drohte der BHÄV-Chef.

Parallel dazu will der BHÄV die Pläne der KV Bayerns unterstützen, eine neue Prüfvereinbarung mit den Kassen zu verhandeln, die auf gerechten und transparenten Prüfkriterien beruhen sollte. Das Prüfsystem sei eine Peitsche der Kassen gegenüber den Ärzten, mit der man diese unter der Knute halten wolle. Gesundheitsministerin Huml, selbst von der Grundausbildung her Medizinerin, schlägt sich auch hier auf die Seite der Hausärzte. Sie will sich dafür einsetzen, dass bei der Wirtschaftlichkeitsprüfung künftig regionale Vereinbarungen möglich sein sollen. Da würden sich die Partner besser kennen und eine Vielzahl von Prüfungen könnte man so von vorneherein vermeiden. Aber eine gewisse Transparenz müsse es geben, schränkt sie ein, da es um die Gelder der Versicherten gehe. Man müsse das aber praktikabel gestalten und dürfe die Ärzte nicht unter Generalverdacht stellen.

„Brücke“ zur Freiberuflichkeit bauen

Die Tatsache, dass der Medizinernachwuchs immer seltener seine berufliche Zukunft in der Niederlassung mit einer eigenen Praxis sieht, hat wohl letztlich auch beim Hausärzteverband zu einem gewissen Sinneswandel geführt. Die Freiberuflichkeit von Hausärzten sei zwar auch weiterhin das erstrebenswerte Ziel. Doch die Entwicklung zeige, dass man auch offen dafür sein muss, wenn junge Kolleginnen und Kollegen sich nicht gleich von Anfang an niederlassen wollen. Hier müssten Angebote für eine zumindest zeitweilige Anstellung in Hausarztpraxen geschaffen werden. Beispielsweise könnten dies Hausarztzentren sein, das heißt Medizinische Versorgungszentren (MVZ), die nur mit Hausärzten besetzt sind. Im Koalitionsvertrag sei diese Option bereits vorgesehen und müsse von der Bundesregierung nun nur noch umgesetzt werden. BHÄV-Chef Geis erklärte dazu: „Wir fordern die Politik deshalb auf, den Weg frei zu machen für rein hausärztliche MVZ unter Leitung von Allgemeinärzten. Dann könnten sich über kurz oder lang auch auf dem flachen Land Hausarztzentren mit unterschiedlichen Formen der Anstellung junger Ärztinnen und Ärzte gründen. Damit könne eine Brücke gebaut werden, die schließlich doch noch in die Freiberuflichkeit führt“, so BHÄV-Vize Dr. Markus Beier.

Für Geis ist der Hausarztberuf der schönste Beruf der Welt. Dumm sei nur, dass das die Medizinstudenten aber nicht wissen könnten, wenn man es ihnen nicht frühzeitig nahebringt. Junge Medizinerinnen und Mediziner müssten daher schon während ihres Studiums erfahren, wie vielfältig, interessant, herausfordernd, aber auch erfüllend der Hausarztberuf sei.

Die Kernforderungen des Bayerischen Hausärzteverbands
  • Stärkung der eigenständigen hausärztlichen Tarif- und Vertragsautonomie im Rahmen von Selektivverträgen.
  • Schaffung einer gesetzlichen Regelung zur Zulässigkeit von rein hausärztlichen MVZ im SGB V.
  • Förderung der Etablierung von Ordentlichen Lehrstühlen für Allgemeinmedizin an allen Medizinischen Fakultäten.
  • Förderung der Einführung eines Pflichtquartals Allgemeinmedizin.
  • Finanzielle Förderung der allgemeinmedizinischen PJ-Studenten.
  • Die Abschaffung des Numerus Clausus als alleiniges Zugangskriterium für das Medizinstudium.
  • Die Sicherstellung der finanziellen Absicherung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin von einer Zuschussregelung über die KVen unabhängig machen.

Dr. Ingolf Dürr


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (8) Seite 62-63