„Die Zukunft liegt im Netz. Jetzt!“ Das Ausrufezeichen hinter dem Veranstaltungsmotto beim diesjährigen Netzwerkerkongress in Berlin ist keineswegs Hochstapelei. Die Ankunft der Zukunft stehe den Arztpraxen unmittelbar ins Haus. Widerstand ist zwecklos, so heißt es. Tatsächlich gibt es seit Anfang April 2014 die erste App-auf-Rezept. Den Allgemeinärzten komme bei dieser Entwicklung hin zur Internetmedizin eine Schlüsselrolle zu.

Bei der App-auf-Rezept handelt es sich um eine Simulationstherapie für Kinder, die unter der Sehschwäche Amblyopie leiden. Wenn bei ihnen die herkömmliche Therapie nicht erfolgreich ist, können sie nun per ärztlicher Verordnung mit der Online-Sehschulung behandelt werden. Weitere solche Anwendungen für Patienten werden folgen, sagen Experten voraus.

Die BARMER GEK hat zur Umsetzung des Konzepts einen Versorgungsvertrag gem. § 73c SGB V geschlossen. Interessant ist, wie die Gesundheitsbranche, die Beteiligten, Krankenkassen, Patienten und Ärzte damit umgehen. Für die Krankenkassen bedeute dies den „Anfang einer kulturellen Umwälzung“, betont Franz Knieps, Vorstand des BKK- Dachverbandes. Allerdings rechnet er nicht mit einem „abrupten Erweckungsprozess“, sondern setzt auf eine allmähliche Veränderung. Dr. Franz Joseph Bartmann, Mitglied des Vorstandes und Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundesärztekammer, glaubt, dass die Entwicklung im Gegensatz zum Widerstand im Funktionärs-Überbau an der Ärztebasis längst angekommen ist. Der Patientenwunsch erzeuge einen starken Sog, den auch die Standesorganisationen auf Dauer nicht länger ignorieren könnten. Der Wirkhorizont des Arztes werde damit über das Behandlungszimmer hinaus erweitert. Aufgrund des zunehmenden Ärztemangels in der Fläche, knapper Zeitbudgets und voller Wartezimmer komme dieser Entzerrungsstrategie große Bedeutung zu. Die Tätigkeit der Grundversorger werde aufgewertet, weil durch Substitution und Delegation internetgestützt künftig mehr Zeit für die notwendige Patientenbehandlung durch den Arzt übrig bleibe.

Kein IQWiG für die Bits

Ein IQWiG für Bits und Bytes ist noch nicht angedacht, auch wenn die Internetmedizin bei den Krankenkassen bereits angekommen zu sein scheint. Sie rechnen allerdings mit Widerstand aus der Ärzteschaft, der vor allem aus der Furcht rühre, die Gatekeeperfunktion zu verlieren. Die Kassen beruhigen aber: Ein „Dr. Google“ mit Beratung zu fünf Dollar pro Minute wie in den USA sei für Deutschland weder als Ziel noch als Potenzial angedacht. Dennoch seien die großen Schwächen der Face-to-face-Medizin aktuell nicht zu übersehen. Laut einer Studie könnten sich 70 – 80 % der Patienten, die in den Wartezimmern sitzen, selber helfen, meint z. B. Dr. Markus Müschenich, Mitbegründer einer Firma für Gesundheits-Apps. Hochgerechnet wären 400 Millionen Arztkontakte pro Jahr in Deutschland überflüssig. 50 – 80 % brauchen keinen Arzt, sondern Zuwendung. 60 % wiederum gehen zu spät zur Behandlung und – besonders bitter für die Mediziner – 70 % der korrekten Diagnosen hängen davon ab, dass die Kommunikation zwischen Arzt und Patient funktioniert, so Müschenich. Mit einer Lebensgesundheitsakte könnten viele Missverständnisse ausgeräumt werden.

Hausärzte als Partner

Internetmedizin könne sich so nicht auf anonyme Briefkästen beschränken, sondern sollte Information, Diagnose und Therapie verbinden. Laut Untersuchungen würden Online-Diagnosen derzeit sorgfältiger erstellt als in der realen Praxiswelt. Konkret seien bereits Projekte in der Pipeline wie die Behandlung von Burnout mittels einer Acht-WochenTherapie mit einem Zeiteinsatz von 15 Minuten pro Tag. Auch Chronikerprogramme wie z. B. Diabetes oder COPD seien besonders geeignet für den Interneteinsatz. Der Hausarzt werde hier zunehmend zum Sozialpartner, der die gewonnene Zeit intensiver für einen größeren Patientenkreis nutzen kann und auch muss, wie der Hinweis auf strukturschwache Gebiete mit Versorgungsproblemen zeige.

Ob die Telemedizin für die jetzige Patientengeneration geeignet ist, muss allerdings skeptisch betrachtet werden. Ältere Patienten brauchen wohl doch das Gegenüber des Arztes, die greifbare Zuwendung unter dem Motto: heilen manchmal, lindern häufig, trösten immer.



Autor:
Hans Glatzl

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (9) Seite 90