Wenn es um das medizinische Curriculum geht, haben viele Parteien etwas zu sagen. Es wird diskutiert, ob die Studierenden genug lernen, ob sie das lernen, was sie auch am Ende wissen müssen, und ob überhaupt die richtigen Studierenden an den Fakultäten gerade eingeschrieben sind. Die vorgebrachten Änderungsvorschläge könnten zum Teil nicht unterschiedlicher sein; nur in einem scheint sich die Mehrheit einig: Die Allgemeinmedizin kommt zu kurz

Aktuell findet nur etwa jeder zweite Facharzt für Allgemeinmedizin einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für die Praxis. Das klingt bedrohlich, wenn man sich überlegt, dass mehr als 80 % der Patienten bei Beschwerden zuerst ihren Hausarzt aufsuchen. Das Ziel lautet also: Neue Hausärzte müssen her!

Mögliche Lösungsansätze, wie eine „Allgemeinarzt-Quote“ bei der Zulassung zum Studium zu schaffen, lehnen wir Studierende ab. Man kann unmöglich von einem 17- oder 18-jährigen Schulabgänger erwarten, dass er/sie schon die Niederlassung als Hausarzt 12 Jahre später plant und wünscht. Weiterhin sehen wir in der Approbationsordnung nicht den Auftrag, eine bestimmte Anzahl von speziellen Fachärzten hervorzubringen.

Es muss also eine andere Lösung gefunden werden. Viel diskutiert wurde die Idee, das Fach Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr verpflichtend einzubauen. Anstelle der jetzigen Struktur, ein Chirurgie-, ein Innere Medizin- und ein Wahltertial zu haben, müsste der Studierende dann für 3 Monate in eine allgemeinmedizinische Praxis. Auch mit dieser Lösung sind wir als bvmd nicht einverstanden. Wir bevorzugen andere Wege, die Allgemeinmedizin im Curriculum zu stärken.

Medizinstudierende weiter zu verpflichten, wird sie nicht für die Allgemeinmedizin begeistern. Der Wunsch, Chirurg zu werden, ist nach dem PJ geringer ausgeprägt als vorher. Auch die Innere Medizin verliert Interessenten. Warum sollte es der Allgemeinmedizin anders ergehen? Wenn desinteressierte Studierende auf motivierte Lehrärzte treffen und interessierte Studierende auf demotivierte Ärzte – dann ist doch niemandem geholfen.

Zweifellos sind die zu vermittelnden Inhalte der Allgemeinmedizin wichtig für die Studierenden, weshalb das Fach in unseren Augen im Curriculum noch gestärkt werden muss. Die Frage bleibt nur was und wie. Den Studierenden die Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung zu zeigen, wäre doch eine schöne Aufgabe für die ganze Dauer des Studiums. Langfristig kann so auch hoffentlich die medizinische Versorgungslandschaft in Deutschland verbessert werden.

Und was den Nachwuchs angeht: Aus meiner Sicht sieht es da gar nicht so grau aus, wie es immer dargestellt wird. Ich kenne viele Kommilitonen, die sich den Facharzt Allgemeinmedizin vorstellen können. Man muss nur manchmal ein bisschen Geduld haben ...



Autor:

Naomi Lämmlin

ehemal. Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V.
10115 Berlin

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (2) Seite 5