So sehr die Gesundheit das Ziel einer jeden Arztpraxis ist – auch hier sehen sich alle Mitarbeiter irgendwann einmal mit dem sensiblen Thema Tod konfrontiert. Wie verhält man sich in Zeiten der Trauer gegenüber betroffenen Kollegen und Patienten? Neben dem nötigen Feingefühl gibt es auch konkrete Hilfestellungen und Trauerrituale, mit denen man dem Trauernden begegnen kann.

Wie man mit dem Tod eines Menschen umgeht, hängt natürlich in erster Linie davon ab, wie nah der Verstorbene einem stand. So werden die Mitarbeiter einer Arztpraxis bei den drei im Folgenden beschriebenen Szenarien auf unterschiedliche Weise gefordert: Beim Tod eines Kollegen oder sogar des eigenen Chefs sind alle Mitarbeiter unmittelbar betroffen. Aber auch dann, wenn ein Kollege den Verlust eines nahestehenden Menschen zu verkraften hat, ist ein sensibler Umgang mit der Trauersituation in der Praxis gefordert. In einer dritten Situation sehen sich die Praxismitarbeiter mit einem trauernden Patienten konfrontiert.

Trauer um einen Kollegen oder den Chef

Die Trauer unter den Mitarbeitern der Praxis ist natürlich besonders dann groß, wenn ein Arbeitskollege verstirbt und der Tod überraschend kam. Gerade gestern noch hat man mit der Person zusammen gearbeitet, organisiert und Scherze gemacht und erinnert sich noch an die Wortbeiträge und Reaktionen. Jetzt kann man sich überhaupt nicht vorstellen, dass man diesen Menschen nie wieder sehen wird.

Welche Möglichkeiten gibt es, um sich angemessen vom Kollegen zu verabschieden und die damit verbundenen Gefühle zu durchleben? Kurz gesagt – alles, was hilft: Gespräche untereinander, einen Kranz anfertigen lassen, einen gemeinsamen Brief oder eine Trauerkarte für die Angehörigen schreiben. Zudem gibt es einige Möglichkeiten, konkrete Trauerrituale in der Praxis einzurichten (Kasten).

Beim Tod des eigenen Chefs oder der Chefin sind viele Mitarbeiter doppelt belastet: Man ist vom Tod eines Menschen betroffen, den man gut kannte, und hat gleichzeitig Existenzangst: Wird das Unternehmen das Unglück auffangen können oder steht die Schließung über kurz oder lang bevor? Je nach Betriebsstruktur kann es unterschiedlich ausgehen. Handelt es sich um eine Einzelpraxis, ist die Lage oft schwierig. Hat der Chef testamentarisch für diesen Fall vorgesorgt? Gab es schon einen Nachfolger, der jetzt früher als geplant übernimmt? Auch jetzt ist es wichtig, der Trauer Raum zu geben. Nur wenn man sich verabschiedet hat, kann man sich für jemand Neuen öffnen, ihn ernst nehmen und seine neue, vielleicht etwas anders geartete Führung respektieren und so eine Chance für das ganze Unternehmen geben.

Den Kollegen Raum lassen

Auch wenn man persönlich deutlich weniger involviert ist – ein besonders sensibler Umgang ist bei Kollegen gefordert, die einen nahen Angehörigen verloren haben. Hier gilt es, die Bedürfnisse des Kollegen zu erkennen, denn jeder Mensch trauert anders. Nach den beiden vom Gesetzgeber vorgesehenen arbeitsfreien Tagen ist natürlich noch lange nicht alles wieder "in Ordnung". Vielleicht möchte der Kollege etwas länger zu Hause bleiben oder die Arbeitszeit verkürzen, weil er Zeit für sich braucht, um wieder arbeitsfähig zu werden, oder weil er eine Unmenge zu organisieren hat. Diesem Wunsch sollten sowohl die Kollegen als auch der Chef offen gegenüberstehen und dem Mitarbeiter diesen Freiraum ermöglichen. Es ist wichtig, dass Menschen in Zeiten der persönlichen Belastung nicht auch noch beruflich in Schieflage geraten, weil die eigenen oder die Ansprüche der Kollegen zu hoch sind.

Andere kommen am liebsten sofort wieder zum Dienst, lehnen auch jedes Gespräch ab, weil sie noch nicht trauern können und wollen, oder weil es ihre Art der Trauer ist. Ihnen hilft es, ihren Dienst so normal wie möglich zu absolvieren. Wichtig ist es, hier nicht zu urteilen, sondern zu vertrauen und dem Kollegen seinen Raum zu lassen, den er braucht.

Ein Zustand der Lähmung

"Trauer wird heutzutage als individueller Prozess sowie als Defizit, als Ausnahmezustand und Abweichung von der Norm wahrgenommen – und wird daher eher mit Ausgrenzung als mit Zuwendung beantwortet", meint der Trauerbegleiter Fritz Roth. Viele Firmen erwarten in stummer Ignoranz, dass die Mitarbeiter den normalen Betriebsablauf einhalten: Gefühle sind Privatsache. Doch beim Tod eines nahestehenden Menschen sind plötzlich die Gedanken und die Konzentration besetzt von dem, was geschehen ist – es ist nahezu unmöglich, sich seiner Arbeit ganz normal zu widmen. Nur ein Drittel des gesundheitsbedingten Produktivitätsverlusts in Unternehmen basiert auf Fehlzeiten, der Rest entsteht durch Anwesende, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht mit allen Kräften auf ihre Arbeit konzentrieren können. Diesen Zustand nennt man auch Präsentismus.

Wie kann ich dem Kollegen helfen?

Manchmal können schon kleine Gesten eine große Wirkung haben: Mag der Kollege frische Blumen in seinem Büro oder kleine Grußkärtchen von Menschen, die ihn alltäglich bei der Arbeit umgeben? Eine mitgebrachte, gekochte Mahlzeit oder der Lieblingstee wärmen in jeder Beziehung in der Mittagspause. Ist das Verhältnis sehr vertraut, sind auch Hilfestellungen bei der Organisation zu Hause denkbar – wie Karten schreiben oder eine Putzhilfe anbieten. Den Kollegen beim Spaziergang mit dem Hund zu begleiten, könnte eine willkommene Ablenkung darstellen. Nicht jeder Mensch kann Hilfe annehmen, manche von uns können es aber jetzt – in dieser Notlage – lernen.

Und die Patienten?

Ein Patient beklagt einen Todesfall in seiner unmittelbaren Umgebung, ein Verwandter oder ein guter Freund, der ihm immer zur Seite stand und geholfen hat. Auch hier steht zunächst die Frage nach der Nähe zum Patienten im Vordergrund: Ist es jemand, den wir schon über Jahre sehr regelmäßig betreuen? Dann geht man nicht einfach darüber hinweg, sondern lässt ihm z. B. eine Karte zukommen.

Eine gewisse erweiterte Kulanz bei plötzlichen Terminverschiebungen und Absagen kann im Kollegenkreis diskutiert werden. Außerdem sollte eine Sensibilisierung entwickelt werden für das, was der trauernde Patient jetzt braucht: Vielleicht möchte er gerade mal kein Beileid und das dauernde Bezugnehmen auf den Verstorbenen? Vielleicht ist es ihm gerade angenehm, dass er selbst jetzt mal im Mittelpunkt steht und nur an sich denken darf? Manchmal sind auch ganz konkrete Hilfen nötig. Handelt es sich bei dem Verstorbenen z. B. um eine Person, die dem Patienten bei der Ernährung, dem Einkauf oder beim Kochen half? Wer macht das jetzt? Das Team kennt sicher offizielle Stellen, die jetzt zuständig sind.

Auch die erste Begegnung nach dem Todesfall ist für viele eine schwierige Situation: Nichts sagen, umarmen oder die Hand einfach einen Moment länger halten als sonst – auch hier ist der Umgang natürlich davon abhängig, wie nah der Patient einem stand.

Generell gilt:

Menschen, die einen Verstorbenen beklagen, leiden am meisten unter der oft aus Verlegenheit entstehenden Nichtachtung, der sie plötzlich unterliegen. Manche werden gemieden oder man tuschelt hinter ihrem Rücken. Umfragen haben ergeben: Kontakte helfen. Es ist besser, sich dabei ungeschickt zu verhalten oder mal ins Fettnäpfchen zu treten als einen trauernden Menschen vor lauter Angst, "etwas falsch zu machen", fallen zu lassen. Genau das – die absolute Isolation – sollte man auf jeden Fall vermeiden. Kleine Gesten zählen, immer mal wieder das Signal geben: "Ich bin für dich da."

Viele Rituale sind wie ein Geländer, an dem sich der Trauernde festhalten kann. Nach einiger Zeit kann man dann schon mal kurz loslassen. Diese Zeiten des Loslassens werden immer länger, bis man eines Tages wieder freihändig im eigenen Leben unterwegs ist.

Vorschläge für Trauerrituale beim Tod eines Kollegen
  • Im Wartezimmer oder einem anderen für alle zugänglichen Raum wird ein Kondolenzbuch ausgelegt, eventuell mit Blumen und Kerzen. Der Chef schreibt, was diesen Menschen ausgemacht und ausgezeichnet hat, beschreibt seinen Werdegang im Betrieb. Die Angestellten zeichnen mit Namen, schreiben einen kleinen Brief an den Verstorbenen, einen Trauerspruch, fertigen eine Zeichnung oder Ähnliches an.
  • Die Mitarbeiter schreiben ihre Gedanken auf Karten, die alle zusammen in einem Umschlag den Angehörigen übersandt werden.
  • In der Praxis werden Gedenkminuten abgehalten (z. B. jeden Tag zu einer bestimmten Zeit) oder ein Trauergottesdienst gehalten, den die Kollegen mitgestalten können.
  • Es wird eine gemeinsame "Feier" veranstaltet, in der man Videos oder Fotos ansieht, auf denen der oder die Verstorbene sich aktiv eingesetzt hat; man erzählt von gemeinsamen Erinnerungen.
  • Man erschafft etwas in Gemeinschaft: pflanzt einen Baum oder malt ein Bild, welches in der Praxis aufgehängt wird.



Autor:

Ute Jürgens

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Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (21) Seite 32-34