Die Situation der Allgemeinmedizin wird seit Jahren in nahezu allen Medien mit negativen Kommentaren, kritischen Bewertungen und düsteren Zukunftsorakeln beschrieben. Abgesehen davon, dass es mit Sicherheit an vielen Details unseres Berufsumfeldes Dinge zu verbessern gibt, muss man sich natürlich fragen, was diese Darstellung für Außenwirkungen hat – auf die Patienten, auf "die Politik" und – vor allem! – auf unseren beruflichen Nachwuchs.

Als jemand, der seit fast 30 Jahren als Hausarzt eine große Praxis führt und seit bald 20 Jahren an der Universität mit Medizinstudenten zu tun hat, möchte ich dafür plädieren, das Positive, das unser Berufsfeld hat, nicht zu kurz kommen zu lassen. Keine Angst: Niemand würde auf die Idee kommen, uns Honorar vorzuenthalten, nur weil wir einen Beruf haben, der uns Spaß macht …

Die Studenten habe ich seit 20 Jahren zum Semesterbeginn gefragt, wer sich vorstellen könnte, Hausarzt zu werden. Anfangs waren es 3 %, jetzt sind es 25 %. Heute haben wir pro Jahr konstant 30 Studenten in der Allgemeinmedizin im PJ. Und alle sind nach PJ und Staatsexamen immer noch der Meinung, Hausärzte werden zu wollen.

Wir haben in Schleswig-Holstein in Stadt und Land eine numerische Überversorgung mit Hausärzten. Es stimmt zwar, dass deren Altersdurchschnitt hoch ist und dass man deshalb nicht ohne Sorge in die Zukunft sehen darf (35 % der Hausärzte sind 60 Jahre und älter), das gilt aber für andere Fachgruppen ebenfalls. Wir haben in unserer Praxis reichlich zu tun. Es wäre also Platz für jemanden, der sich zunächst nicht zutraut, selbst eine Praxis zu führen, der aber mit der Zeit in diese Aufgabe hineinwachsen könnte. Und so geht es vielen Praxen, die ich kenne. Es werden also noch einige kreative Ideen gebraucht. Ich denke hier an MVZ, an Gründungen von Gemeindepraxen und andere Modelle.

Also: Es ist schon eine Menge erreicht. Ich bin überzeugt, dass wir als Hausärzte beruhigter in die Zukunft schauen können als Kollegen anderer Fachgebiete. Das einzige aktuelle medizinpolitische Thema, das die Politik jetzt noch regeln müsste, wäre die verpflichtende Einführung eines Primärarztmodells. Ohne Primärarztmodell wird unser Gesundheitssystem unbezahlbar werden. Vor der Wahl 2017 wird dieses Thema aber niemand mehr anpacken wollen, denke ich.

Man kann vieles erreichen, aber nicht dadurch, dass man aller Welt immer nur mit düsteren Prognosen erzählt, wie schlimm man es als Hausarzt getroffen hat. Wenn es Probleme gibt, sollte man sie identifizieren und versuchen, sie alsbald aus dem Weg zu räumen – eine typisch hausärztliche Vorgehensweise also. Und in der Außendarstellung müssen wir den Studierenden, den Patienten und den Politikern – ja, auch denen! – klarmachen, dass wir "den schönsten Beruf nach dem Papst" haben. Ich weiß übrigens nicht, ob die Tätigkeit eines Papstes so abwechslungsreich, so selbstständig und so nah am Menschen ist, wie es uns als Hausärzten vergönnt ist …



Autor:

Prof. Dr. Jens-Martin Träder

Facharzt für Allgemeinmedizin
Institut für Allgemeinmedizin
Universität zu Lübeck
23562 Lübeck

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (11) Seite 3