Die Fünf-Jahres-Überlebensraten von Patienten mit soliden ­Tumoren haben sich laut US-Daten in den letzten 40 Jahren um fast 20 % verbessert. Gemeinhin wird dies den erweiterten medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten zugeschrieben – insbesondere der Vielzahl an Zytostatika. Doch sind es wirklich die Arzneistoffe, denen wir diese Erfolge zu verdanken haben? Ein Artikel im British Medical Journal beleuchtet kritisch, unter welchen Bedingungen sich Krebspatienten für eine Pharmakotherapie entscheiden. Und wir fragen uns, wie der Hausarzt seine Patienten bei dieser schwierigen Therapieentscheidung unterstützen kann.

Dr. Peter Wise, London, sieht den häufigen Einsatz von Krebsmedikamenten äußerst kritisch. In seinem Artikel im British Medical Journal weist er darauf hin, dass ein Großteil der Tumorpatienten unter Krebsmedikamenten bloß von einer Lebensverlängerung von etwa drei Monaten profitierte – in einer Metaanalyse mit 250.000 Patienten traf dies sogar auf 90 % zu. Bei vielen Krebs­medikamenten, die in den letzten zehn Jahren zugelassen wurden, war die lebensverlängernde Zeitspanne sogar noch kürzer. Diese Daten lassen Wise daran zweifeln, dass die deutliche Erhöhung der Fünf-Jahres-Überlebensrate tatsächlich auf die Krebsmedikation zurückzuführen ist. Und auch die Tatsache, dass eine Lebensverlängerung von wenigen Wochen bis Monaten zu dem Preis einer sechsstelligen Summe erkauft wird, hält Wise nur sehr bedingt für gerechtfertigt.

Führt Informationsmangel zu falschen Therapieentscheidungen?

Wise legt anhand verschiedenster Studien dar, warum seiner Meinung nach eine unangemessen hohe Zahl an Chemotherapien durchgeführt wird, deren Nutzen recht zweifelhaft ist. Sein Hauptkritikpunkt: die mangelnde Kommunikation und Aufklärung der Patienten durch die behandelnden Ärzte. Es konnte gezeigt werden, dass viele Krebspatienten unzureichend und teilweise irreführend über ihre Therapiemöglichkeiten aufgeklärt werden. Allein durch Unwissenheit hätten Patienten häufig eine unrealistische und übersteigerte Erwartungshaltung hinsichtlich ihrer Heilungswahrscheinlichkeit unter Pharmakotherapie. So erhofften sich viele Krebspatienten gute Heilungschancen in Krankheitsfällen, in denen die Prognosen aus medizinischer Sicht eigentlich kaum einschätzbar sind. Zudem seien sich viele Patienten gar nicht klar darüber, dass Zytostatika mit einem etwa 80 %igen Risiko für Nebenwirkungen einhergehen, darunter 64 % schwerwiegend.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft klinische Studien. Durch falsche Aufklärung und nicht zuletzt auch durch Beeinflussung der Ärzte durch die Pharmaindustrie würden Patienten zu einer Teilnahme an klinischen Studien veranlasst, von denen sie sich ebenfalls eine unrealistisch hohe Heilungschance erhofften. Etwa der Hälfte der an Krebsstudien teilnehmenden Patienten werde der Glaube vermittelt, dies sei ihre einzige Therapieoption. Dabei seien die Übertragbarkeit von Bedingungen der Studiensettings in die Realität gering, die Endpunkte häufig zu unpräzise und die Zulassungen durch FDA und EMA nicht selten zu vorschnell.

Neben unabhängigen Studien und strengeren Zulassungskriterien fordert Wise, Patienten ausführlicher über Behandlungsrisiken unter Krebsmedikation aufzuklären und vor allem auch Behandlungsalternativen aufzuzeigen. Insbesondere den frühzeitigen supportiven Therapien sollte im Zuge der Patientenaufklärung eine größere Bedeutung zukommen.

Wie Hausärzte bei der Aufklärung unterstützen können

Die Therapieabläufe werden zwar maßgeblich über die onkologischen Fachärzte koordiniert und begleitet und sie sind es auch, die die Therapieentscheidung letztendlich beeinflussen. Dem Hausarzt kommt jedoch eine wichtige Rolle bei der Erstdiagnose und der Einleitung der weiteren Schritte zu. So kann er seine Patienten zumindest dazu anregen, sich bestmöglich bei dem betreuenden Onkologen zu informieren und sich dadurch gut auf die Therapieentscheidung vorzubereiten. In dieser beratenden Funktion sieht auch der Allgemeinarzt Dr. Uwe Popert aus Kassel, die Chance, zu einer wertvollen Aufklärung des Patienten beizutragen. Er entwarf zu diesem Zweck einen Begleitbogen für Krebspatienten, mit dem sie sich auf das Gespräch mit ihrem Onkologen vorbereiten können. Der Begleitbogen soll eine selbstbestimmte und aufgeklärte Therapieentscheidung des Patienten unterstützen.

Den vollständigen "Begleitbogen für Patienten" können Sie hier herunterladen.

Fragen an den Urologen
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Autorin:
Yvonne Schönfelder

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2017; 39 (22) Seite 30-31