Das sind ja mal wieder richtig schöne Erfolgsgeschichten, die die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) schreibt. Und wieder einmal ist Baden-Württemberg ganz vorne mit dabei, was aber inzwischen keinen mehr so recht überrascht. Bei Patienten, die an der HzV der AOK Baden-Württemberg und der Bosch BKK teilnehmen, ist die Inzidenz für Darmkrebs von 2009 bis 2014 um 9,6 pro 100.000 bei den Frauen und sogar um 24,5 pro 100.000 bei den Männern zurückgegangen. Bei regelversorgten Patienten fallen die Ergebnisse hingegen eher bescheiden aus: 8,5 pro 100.000 bei den Männern und gar nur 1,8 je 100.000 bei den Frauen.

Simples Erfolgsrezept

Das Geheimnis der Erfolgsstory für HzV-Patienten ist eigentlich recht simpel: Seit 2011 finden regelmäßige Einladungsverfahren zur Vorsorge-Koloskopie statt, flankiert von der Kampagne "Darm-Check". Als besonderer Service wird dabei eingeschriebenen Versicherten ein Wunschtermin beim Gastroenterologen binnen 14 Tagen vermittelt. Diese Maßnahmen sind bereits 2009 vom Bundesgesundheitsministerium als ein zentrales Element eines Nationalen Krebsplans empfohlen worden. In den Selektivvertrag ist dies dann ab 2011 mit eingeflossen. In der Regelversorgung wird das Einladungsverfahren aber wohl frühestens 2017 verbindlich eingeführt werden.

Doch auch mit der "Pro Versorgung" setzt der Deutsche Hausärzteverband innovative Akzente für die HzV. Die bereits bestehende Rheumavereinbarung zeigt, wie gemeinsam mit Facharztverbänden Versorgungspfade von der hausärztlichen Versorgung über die Fachärzte bis hin zur stationären Versorgung geschaffen werden können. Das ist kein einfacher Weg, wie die derzeitigen Verhandlungen zu einer Diabetesvereinbarung wegen der bestehenden Disease-Management-Programme zeigen. Doch es ist ein Weg!

Skeptiker überzeugen

In der Praxis sind es aber auch heute noch vor allem politische Gründe, die verhindern, dass noch mehr als die bisherigen 5,8 Millionen Patienten an der HzV teilnehmen. Die Bremser, Blockierer und Trickser sind an allen Fronten zu finden:
  • Bei der KBV und der BÄK, die um ihre Pfründe fürchten und die Hausärzte überall dort ausbremsen (Trennung der Honorare, Parität in der KBV-Vertreterversammlung), wo es um berechtigte Interessen der Hausärzte geht.
  • Bei den meisten anderen Krankenkassen, die die HzV nur deshalb blockieren, weil sie kurzfristig einen Kostenschub befürchten und dabei die Belange der Patienten und die – auch finanziell – positiven Auswirkungen über längere Zeit komplett ausblenden.
  • Bei diversen Protagonisten im System, die wie der ehemalige KBV-Vorsitzende Dr. Andreas Köhler zwar plötzlich ein Primärarztsystem fordern, damit aber zugleich die HzV austricksen wollen, weil das Primärarztmodell wieder über das KV-System laufen würde.

Die einzige passende Antwort darauf können eigentlich nur die Patienten und Hausärzte selbst geben: Je mehr sie sich in die Verträge einschreiben, desto erfolgreicher wird sich die HzV entwickeln. Nur müssen hierfür noch eine Menge Skeptiker auf beiden Seiten über ihren Schatten springen. Wenn das gelänge, wäre das die allergrößte Erfolgsgeschichte, die dann verbreitet werden könnte, meint Ihr

Raimund Schmid


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (10) Seite 39