Gelassener als früher zeigte sich der Vorstand des Deutschen Hausärzteverbands (DHÄV) bei der Delegiertenversammlung in Potsdam. Die vom DHÄV über viele Jahre hinweg forcierte Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) ist inzwischen fast bundesweit etabliert, müsse aber noch weiter ausgebaut werden, um den Hausärzten eine Zukunft zu sichern. Denn nach wie vor fühlt man sich vor allem in der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gegenüber den Spezialisten benachteiligt – insbesondere im Hinblick auf die Honorarverteilung.

Das Ziel eines Primärarztsystems in Deutschland hat man beim DHÄV nicht aus den Augen verloren. Um dessen Vorteile noch einmal darzulegen, hatte man mit Marjo Parkkila-Hanju die Präsidentin der finnischen Ärztekammer eingeladen. Sie berichtete über die Erfahrungen mit dem in ganz Skandinavien bereits etablierten Primärarztsystem. Dieses habe die Effizienz des Gesundheitssystems klar gesteigert und es zukunftsfähig gemacht. In Finnland tragen vor allem die Kommunen dafür Verantwortung, die Ärzte werden vom Staat bezahlt. Sie arbeiten vorwiegend in Gesundheitszentren, von denen es rund 150 über das Land verteilt gibt, in enger Kooperation mit Spezialisten und Krankenschwestern.

HzV ist das deutsche Primärarztsystem

Für Ulrich Weigeldt, den Bundesvorsitzenden des DHÄV, war dies eine Steilvorlage, sich anschließend auf das deutsche Modell eines Primärarztsystems, also die HzV zu fokussieren. In unzähligen Schiedsverfahren und gerichtlichen Auseinandersetzungen habe man erreicht, dass jetzt bundesweit Vollversorgungsverträge für eine Hausarztzentrierte Versorgung angeboten werden und umgesetzt werden können. Auch wenn der Fortschritt der Vertragsumsetzung dem einen oder anderen, auch ihm selbst, mitunter etwas langsam vorkommt, so seien 4 Millionen Versicherte und über 16.000 Hausärzte, die diese Vertragsform gewählt haben, ein großer Erfolg (siehe Grafik). Über die HzV würden inzwischen jährlich mehr als 1 Milliarde Euro an die Hausärzte ausgeschüttet, wobei die KV-Honorare um 20 bis 40 % oder mehr getoppt würden.

Mit der HzV habe man ein funktionsfähiges Konzept der Patientenkoordinierung und ein zukunftsfähiges System installiert, das Antworten auf einige der entscheidenden Fragen im Gesundheitswesen gebe, so Weigeldt. Man müsse sich und anderen vergegenwärtigen, dass die HzV-Vollversorgungsverträge schon jetzt, was die Teilnehmerzahl von Hausärzten und Versicherten angeht, ihresgleichen suchen. Bei der Etablierung der HzV sei man nun ja meist nicht mit Rückenwind und Sonnenschein gesegnet worden. Aber Weigeldt zeigt sich fest überzeugt, dass man noch weiter vorankommen werde. Das Beharrungsvermögen des KV-Systems sei zwar hoch, aber der Hausärzteverband werde nicht aufgeben, sich für die hausärztlichen Interessen einzusetzen. Für dieses kämpferische Statement erntete er stürmischen Applaus der Delegierten.

Rahmenbedingungen für Hausärzte weiter verbessern

Damit sprach Weigeldt klar aus, dass man sich auf den bisherigen Erfolgen nicht ausruhen dürfe. Denn die Rahmenbedingungen für die Hausärzte seien längst noch nicht überall so, wie sie sein müssten, wenn man merkt, dass man 60 bis 70 Stunden in der Woche gearbeitet hat, aber trotzdem hinter den Honoraren anderer fachärztlicher Kollegen zurückbleibe. Da liege noch ein langer Weg vor dem Verband, schwor der Hausärzte-Chef seine Kollegen ein. Wobei man nicht beabsichtige, das Altsystem zu zerstören, sondern man wolle möglichst optimale Bedingungen für die hausärztlichen Praxen und die Versorgung der Patienten schaffen. Einige der kommenden Aufgaben des Verbands zählte Weigeldt bei der Delegiertenversammlung schon einmal auf. So müsse es aufhören, dass den Hausärzten ständig neu erfundene Fachgebiete die Kompetenz zur umfassenden Betreuung der Patienten absprechen. Die Leistungsbreite in der Hausarztpraxis müsse gemäß dem Fortschritt in der Medizin und der Medizintechnik immer wieder nachjustiert werden, damit man nicht über kurz oder lang in einer "Barfußmedizin" lande. Außerdem müsse man die KBV davon überzeugen, so Weigeldt weiter, dass es keine Lösung für den wachsenden Bedarf qualifizierter hausärztlicher Versorgung sein könne, andere Fachärzte ins Spiel zu bringen, die anscheinend in ihrem Fachbereich nicht ausgelastet sind. Hausärztliche Aufgaben könnten eben nicht einfach nebenbei erledigt werden. Genauso müsse man sich mit aller Kraft zur Wehr setzen gegenüber der Tendenz, für genuin hausärztliche Tätigkeiten, wie palliativmedizinische und geriatrische Versorgung, eine zusätzliche Kursbelastung als Voraussetzung für die Abrechnung dieser Leistungen im EBM einzuführen.

Im KV-System chancenlos

Für eine heftige Diskussion bei der Delegiertenversammlung sorgte in diesem Zusammenhang auch die Einführung des verpflichtenden Medikationsplans für alle Patienten, die mehr als 3 Arzneimittel verordnet bekommen. Dieser Medikationsplan habe seine Berechtigung und es sei richtig, dass er in der hausärztlichen Praxis geführt werden soll, meinte Ulrich Weigeldt, aber er müsse auch mit einer leistungsentsprechenden Vergütung unterlegt sein. Das kurz zuvor bekannt gewordene Ergebnis der Honorarverhandlungen zwischen KBV und den Krankenkassen sei da doch eher enttäuschend. Einige Delegierte klagen hier über "Ein-Euro-Jobs", die die KBV für sie aushandle. Tatsächlich ist vorgesehen, dass Hausärzte pro Fall und Quartal mit einem Euro für das Erstellen und Führen eines Medikationsplans entlohnt werden sollen.

Regina Feldmann, die als stellvertretende KBV-Vorsitzende an den Verhandlungen beteiligt war, wurde von den Delegierten dafür heftig unter Beschuss genommen. Doch einigermaßen resigniert stellte sie klar, dass sie sich gegen die fachärztliche Übermacht ein weiteres Mal nicht habe durchsetzen können und dass hausärztliche Leistungen in der KBV tatsächlich nicht anerkannt würden. Ihr ursprüngliches Ziel, in der KBV eine Gleichbehandlung der Hausärzte hinzubekommen, habe sie nicht erreicht, gab sie resigniert zu. Bei der kommenden Wahl zum KBV-Vorstand werde sie auch nicht mehr kandidieren. Hausärzte-Chef Weigeldt sprach denn auch aus, was wohl viele dachten: Im KV-System haben Hausärzte überhaupt keine Chance mehr.

Bonus für HzV-Patienten

Ohne den Wettbewerb durch die Hausarztzentrierte Versorgung (HzV) wäre es fraglich, ob es in 20 Jahren überhaupt noch Hausärzte gäbe, prognostizierte Ulrich Weigeldt selbstbewusst bei der Pressekonferenz am Rande des Hausärztetags. Dank der HzV gebe es weniger Überweisungen, die Patienten seien zufriedener und die Krankenkassen sparten Geld. Ein HzV-Patient koste die Kassen im Schnitt 400 Euro weniger im Jahr. Die Arztkontakte hätten sich im Rahmen der HzV von 17 auf 5,5 mit hausärztlicher und 1,6 mit fachärztlicher Beteiligung verringert. Auf Nachfrage bedauert Weigeldt, dass sich dieser Behandlungspfad zuletzt nur mehr sehr verhalten ausbauen lasse. Die Teilnahmequote bei den Ärzten beträgt derzeit 7 %. Umgerechnet 4 Millionen Versicherte werden damit erreicht.

Um die Akzeptanz der Hausarztzentrierten Versorgung weiter zu fördern, brachte Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt die Forderung ins Spiel, dass Patienten, die konsequent zunächst ihren Hausarzt aufsuchen und sich so auch wirtschaftlich verantwortungsbewusst verhalten, hiervon auch einen finanziellen Nutzen haben und einen Bonus erhalten sollten. Dies könne beispielsweise durch Zuzahlungsbefreiungen bei Medikamenten geschehen", schlug Weigeldt vor. Einige Krankenkassen, wie die AOK Baden-Württemberg und die Bosch BKK, böten ihren Versicherten bereits Boni an. Eine Verpflichtung dazu sei eines der zentralen Anliegen der Hausärzte im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017. Die Idee sei zwar bereits im Sozialgesetzbuch verankert, notwendig sei aber eine Konkretisierung, damit die Patienten auch wirklich flächendeckend profitieren, so Weigeldt.

Werkzeugkasten für die Niederlassung
Das zweite Kernthema beim Hausärztetag war der Nachwuchsmangel. Dr. Jana Husemann, jung niedergelassene Allgemeinärztin im Hamburger Problem-Kiez St. Pauli, schilderte die aus ihrer Erfahrung wesentlichen Hinderungsgründe für eine Niederlassung als Hausärztin: Der Beruf sei nicht mit Kindern und Teilzeitarbeit kompatibel. Es gebe nicht genug Geld, dafür aber jede Menge Bürokratie. Die Nachwuchshausärzte wollen dem nun mit einer Seminarreihe gegensteuern und haben dazu den "Werkzeugkasten für die Niederlassung" entwickelt. Betriebswirtschaft sollte spätestens in der Weiterbildung Thema sein.

Dr. Ingolf Dürr und Hans Glatzl


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (18) Seite 31-33