Zu ihrem 50. Jubiläum hat sich die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) der Herausforderung gestellt, in einer Festschrift ein halbes Jahrhundert Allgemeinmedizin Revue passieren zu lassen. Das Werk ist gelungen, wie die spontane Rezension des jungen Allgemeinarztes Dr. med. Torben Brückner zeigt.

Von Herzen Hausarzt, junger Facharzt für Allgemeinmedizin und kurz vor der Niederlassung gebe ich zu, meine Buchbesprechung ist wenig neutral. Die Festschrift zum 50. Geburtstag der DEGAM von Frank H. Mader mit ihren fast 150 Seiten, vollgepackt mit Texten, Zitaten und Abbildungen, gleicht einem vollen Wartezimmer am Montagmorgen in der Arztpraxis: Mit jedem Patienten bzw. jeder umgeblätterten Seite kommt etwas Neues und Überraschendes, als möchte man sagen: "Der Nächste, bitte."

Der Mensch im Mittelpunkt

Natürlich beginnt alles mit der Gründungszeit. Prominente Allgemeinärzte wie Siegfried Häussler oder Waltraut Kruse treten auf mit Taten und Zitaten, bereits Jahrzehnte zurückliegend, aber immer noch aktuell. Sie lassen erahnen, worum es damals ging und heute noch geht. So wird Robert N. Braun aus dem Jahr 1982 zitiert: "Der Allgemeinarzt hat überlebt, weil ein enormer Bedarf an einem raschen medizinischen Rat besteht, der durch die anderen ärztlichen Sparten nirgendwo auch nur annähernd gedeckt werden konnte."

Doch die Geschichte der DEGAM wird nicht nur geschrieben von und über alte Herren bzw. OBST (old boys sitting together) – der Begriff wird sogar erwähnt, ohne respektlos zu sein –, sondern gerade junge Menschen, Studenten, PJler, Ärzte in Weiterbildung, besonders die weiblichen, bilden einen Schwerpunkt des Buches.

Die niedergelassenen Ärzte werden in ihrem Praxisalltag beschrieben, immer wieder im Spagat zwischen Arztpraxis und Universitätsmedizin; stets jedoch mit dem Akzent auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gern erinnere ich mich an mein eigenes Blockpraktikum Allgemeinmedizin zurück: Ich lernte, was ein Landarzt alles schaffte und wie er gut davon leben konnte, ja sogar nebenbei ein Hospiz betreute, in dem ich die Woche übernachtete und gut schlief.

Der lange Weg zu den Lehrstühlen

Zeitzeugen schreiben von den Steinen, die sie auf dem Weg zu allgemeinmedizinischen Lehrstühlen überwinden mussten. Natürlich kennt man diese Diskussion noch heute, ist sie denn wirklich so wichtig? Dabei fällt mir meine eigene Entscheidung zum Studienplatz wieder ein. Damals blätterte ich in einem Studienführer, der die Vor- und Nachteile der einzelnen Universitäten auflistete. Meine Erstwahl wurde eine Uni mit Lehrstuhl Allgemeinmedizin, davon gab es nicht viele. Lange her ist das nicht.

Kritische Stimmen gibt es über Professor/innen, die keinen eigenen Praxissitz innehaben, oder über die Problematik, sowohl zwischen Lehrstuhl als auch Kassensitz den eigenen Platz zu finden und alles mit der Familie zu vereinbaren. Die Texte der Allgemeinärztinnen lassen mich da sehr nachdenklich werden, nicht umsonst fällt wohl das Zitat "Als Hausärztinnen sind wir mehr Realistinnen als Romantikerinnen".

Von Lichtblicken und Wermutstropfen

Besonders bewegt haben mich die Biographien zweier Männer – der eine (Thomas Kühlein) ist erst kürzlich von der Praxis zur Uni gewechselt, der andere (Heinz-Harald Abholz) ist wieder den umgekehrten Weg gegangen. Zwei Professoren, sie berichten sehr offen und emotional, welche Opfer sie (und die Familie und auch andere) bringen mussten. Welche soll hier nicht verraten werden. Unbedingt selber lesen! Aber es geht auch einfacher: Knackig auf nur einer Seite beschreibt der Doppelfacharzt für HNO und Allgemeinmedizin Fritz Meyer, wie er in seiner Hausarztpraxis Forschung betreibt und die Ergebnisse mit ansteckender Begeisterung zubereitet. Wieder muss ich Braun zitieren: "Das Labor der Allgemeinmedizin ist die Allgemeinpraxis".

Ein Wermutstropfen bleibt: Der Festschrift fehlen starke Beiträge zur Familienmedizin. Trägt die Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin diese Funktion doch in ihrem Namen. Mit Inhalt wird sie kaum gefüllt – schade –, lediglich die Bedeutung der Familie selbst wird immer wieder hervorgehoben von allen Autoren.

Zuletzt ein Ausblick

Vielleicht findet sich in einer kommenden Auflage mehr zur Familienmedizin. Und dann auch sicherlich mehr zu den am Ende des Buches besprochenen Zukunftsthemen der Ausbildung (Praxisnähe und Wissenschaft verbinden), zu laufenden Projekten (Listserver, Landärzte gewinnen) und deren Fortentwicklung wie auch zu den Sorgen (Erhalt der Allgemeinmedizin). So wird auch einmal erwähnt, dass derzeit genauso viele Anästhesisten wie Allgemeinärzte ihre Facharztprüfung ablegen, ziemlich spitz fragt einer der 67 Autoren: "Will man die Bevölkerung lieber betäuben als versorgen?"

Eine Antwort mag zu Beginn der Festschrift das Grußwort des Bundespräsidenten geben, der mit einfachen Worten an die zukünftige hausärztliche Versorgung seiner Enkel und Urenkel in der ländlichen Heimat denkt, also mit einem Band zur Einheit zusammenknüpft: das Land, die Menschen, die Allgemeinmedizin.



Autor:

Dr. med. Torben Brückner

65825 Schwallbach

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (17) Seite 34-37