Meine 37-jährige Patientin leidet seit 1991 immer wieder an Uveitiden, hatte beidseits eine Katarakt-Op. und vor acht Jahren Demyelinisierungsherde im Großhirn. Sie erhält eine wiederholte und wechselnde Immunsuppression bis heute. Nach wohl weitestgehender ophthalmologischer und neurologischer Abklärung und der Diagnose einer MS fragt sie nach weiteren diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten.

Antwort: Die Multiple Sklerose ist die häufigste, jedoch keineswegs die einzige immunvermittelte Entzündung des ZNS. Eine MS darf daher nur diagnostiziert werden, wenn die diagnostischen Kriterien nach McDonald erfüllt sind. Hierzu gehören auch MRT-Kriterien wie das Auftreten multipler Entmarkungsherde zu unterschiedlichen Zeiten (zeitliche und räumliche Dissemination). Da manche entzündlichen Erkrankungen mit ähnlichen klinischen Symptomen und radiologischen Veränderungen einhergehen können (vgl. Abb. 1 und 2), muss man bei verdächtigen Befunden im MRT oder rezidivierenden neurologischen Symptomen immer eine differenzialdiagnostische Abklärung zum Ausschluss anderweitiger chronisch-entzündlicher Erkrankungen des ZNS veranlassen.

Infrage kommen demyelinisierende Erkrankungen wie das Devic-Syndrom oder erregerbedingte chronische Entzündungen wie Lues und Neuroborreliose. Das zentrale und periphere Nervensystem ist zudem häufig bei systemischen Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes, Wegenerscher Granulomatose, Sjögren-Syndrom u. a. mitbeteiligt. Einige der bei MS eingesetzten immunmodulatorischen Substanzen sind bei anderen entzündlichen ZNS-Erkrankungen nicht wirksam, so dass eine differenzialdiagnostische Klärung auch therapeutische Konsequenzen hat.

Da alle chronisch-entzündlichen ZNS-Erkrankungen unbehandelt zu progredienten neurologischen Defiziten und häufig zu einer Demenz führen, sind regelmäßige klinische und radiologische Kontrollen notwendig, um ggf. die Therapie anzupassen. Im hier beschriebenen Fall wären daher MRT-Kontrollen sinnvoll, um die Entwicklung der Demyelinisierungsherde im Großhirn zu beurteilen. Sollte sich hierbei eine Progredienz der Marklagerveränderungen zeigen, wäre eine Vorstellung in einer neuroimmunologischen Ambulanz mit der Frage nach Therapieeskalation zu empfehlen.



Autor:

Dr. med. Carsten Isenberg

Sektion Neurologie
Klinikum St. Elisabeth Straubing
94315 Straubing

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (15) Seite 70