Derzeit sind in Deutschland zwei verschiedene Impfstoffe zum Schutz vor Pneumokokkeninfektionen zugelassen: der Polysaccharidimpfstoff PPSV 23 (Pneumovax 23®) und der Konjugatimpfstoff PPV 13 (Prevenar 13®). Die STIKO empfiehlt derzeit PPSV 23 als Standardimpfung, nicht jedoch den Konjugatimpfstoff PPV 13. Dagegen wehren sich die pneumologischen und geriatrischen Fachgesellschaften entschieden (siehe Kasten). Was sind die Gründe?

Peumokokken sind mit Abstand der häufigste Erreger einer ambulant erworbenen Pneumonie.

Bei vielen Pneumokokkenpneumonien lassen sich weder in den Blutkulturen noch im Pleurapunktat Erreger anzüchten. Damit handelt es sich per definitionem um eine "nicht-invasive" Form der Pneumokokkeninfektion. Häufig entwickelt sich bei einer Pneumokokkenpneumonie eine respiratorische Insuffizienz und die Patienten müssen maschinell beatmet werden, die Letalität ist dann sehr hoch. Bei den Überlebenden führt eine Pneumokokkenpneumonie sehr häufig zu Einschränkungen der Aktivitäten des täglichen Lebens (ADLs) und damit zu Pflegebedürftigkeit. In bis zu 20 % sind diese Einschränkungen irreversibel.

In der CAPITA-Studie [1] konnte nachgewiesen werden, dass der Pneumokokken-Konjugatimpfstoff PPV 13 (Prevenar 13®) nicht nur vor invasiven, sondern auch vor den viel häufigeren und ebenfalls schwerwiegenden nichtinvasiven Verläufen – also vor Pneumonien ohne Bakteriämie – schützt.

Für den Polysaccharidimpfstoff PPSV 23 (Pneumovax 23®) liegt dagegen für die Anwendung in Industrieländern nur der Nachweis für einen Schutz vor den selteneren invasiven Infektionen, das heißt vor Infektionen, die mit einer Bakteriämie einhergehen, vor. Zudem lässt die Schutzwirkung von PPSV 23 bereits nach zwei Jahren nach. Bei Kindern führte die Impfung mit einem 7-valenten Konjugatimpfstoff zu einer sogenannten "Herdenprotektion". Das heißt, es werden auch ungeimpfte Kinder geschützt, da diese Impfung auch die Zahl asymptomatischer Keimträger verringert. In italienischen Kohorten konnte sogar nachgewiesen werden, dass durch die Impfung der Kinder bei den Erwachsenen – also auch bei den Großeltern der geimpften Kinder – weniger ambulant erworbene Pneumonien auftreten. Vermutlich kommt es auch bei der Impfung von älteren Menschen zu einem " Herdeneffekt". Dieser ist für alte Menschen, die Gemeinschaftsveranstaltungen besuchen (z. B. Seniorensportgruppen, Tagespflege) oder in Gemeinschaftseinrichtungen (z. B. Pflegeheim) leben, besonders wichtig, um Übertragungen zu verhindern.

Leider wird der Pneumokokken-Konjugatimpfstoff PPV 13 (Prevenar®) derzeit nicht von der STIKO als Standardimpfstoff empfohlen, obwohl sehr viele Argumente für seine Anwendung sprechen.

Vorteile des Konjugatimpfstoffs

Argumente für die Anwendung des Pneumokokken-Konjugatimpfstoffes PPV 13 (Prevenar 13®):

  • Schützt auch vor den häufigen nicht-invasiven Verlaufsformen
  • Reduziert nachweislich die Sterblichkeit an ambulant erworbenen Pneumonien
  • Reduziert das Risiko für Pflegebedürftigkeit nach schweren Pneumokokkenpneumonien
  • Die Schutzwirkung hält deutlich länger (mindestens vier Jahre) an
  • Keine verminderte Wirkung bei Auffrischimpfung (keine "Hyporesponsiveness")
  • Schützt vermutlich indirekt auch ungeimpfte Menschen in der Umgebung ("Herdenprotektion")

Nachteile des Konjugatimpfstoffs

Nachteil des Konjugatimpfstoffes PCV 13 (Prevenar 13®) ist möglicherweise, dass etwas weniger Serotypen abgedeckt werden als mit dem Polysaccharidimpfstoff PPSV 23. Dieser mögliche Nachteil wird aber durch die oben beschriebenen Vorteile mehr als aufgewogen. Bei Patienten mit besonders hohem Risiko für invasive Verlaufsformen (z. B. Patienten mit Immunsuppression oder Niereninsuffizienz) kann für einen optimalen Schutz eine zusätzliche Impfung mit PPSV 23 (Pneumovax®) etwa sechs Monate nach der Impfung mit PCV 13 (Prevenar 13®) durchgeführt werden.

Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG)

Die beiden Fachgesellschaften sprechen sich dafür aus, den Konjugatimpfstoff PCV 13 neben dem Polysaccharidimpfstoff PPSV 23 als Standardimpfung gegen Pneumokokkeninfektionen zu empfehlen.

Kostenfrei erhältlich unter https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0034-1393413.pdf

Ein weiterer "Nachteil" von PCV 13 (Prevenar 13®) ist der höhere Preis. Obwohl der Impfstoff zugelassen ist und vom Gemeinsamen Bundesausschuss als "verordnungsfähig" bewertet wird, verweisen manche Kassen auf die fehlende Präferenz der STIKO für diesen Impfstoff.

Argumentationshilfe bei Kassen

Die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ist somit zu begrüßen – sie kann unter anderem bei der Diskussion mit Kostenträgern als Argument für die evidenzbasierte und damit wirtschaftliche Verordnung dienen.

Klare Empfehlung für die Verwendung des Pneumokokken-Konjugatimpfstoffes PCV 13 (Prevenar 13®) gibt es unter anderem durch
  • Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP)
  • Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)
  • Advisory Committee on Immunization Practices (ACIP), USA

Literatur
1)Bonten MJ, Huijts SM, Bolkenbaas M et al. Polysaccharide conjugate, vaccine against pneumococcal pneumonia in adults. N Engl J Med 2015; 372: 1114–1125



Autor:

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Dr. Andreas H. Leischker, M.A.

Facharzt für Innere Medizin – Reisemedizin (DTG), Flugmedizinischer Sachverständiger
Gelbfieberimpfstation
Alexianer Krefeld GmbH
47918 Krefeld

Interessenkonflikte: Dr. Leischker hat Honorare/Reisekostenunterstützung von Pfizer, Novartis und Sanofi-Pasteur-MSD erhalten. Er ist Dozent und Mitglied der Akademie des Centrums für Reisemedizin (CRM) Düsseldorf



Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (9) Seite 48-49