Fehler können auf allen Ebenen des Medikationsprozesses, von der ärztlichen Verordnung über die Ausgabe des Medikamentes durch die Apotheke bis zur Einnahme durch den Patienten, auftreten. Man geht derzeit davon aus, dass über alle diese Ebenen hinweg bis zu 20 % aller Medikamentengaben mit irgendeinem Fehler behaftet sind, und sei es nur z. B. der falsche Einnahmezeitpunkt: Murphy’s Law ("Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen") lässt grüßen …

Die gute Nachricht ist: Fast alle Fehler können vermieden werden, wenn zum richtigen Zeitpunkt die richtige Information bereitsteht, z. B. wie schlecht die Nierenfunktion des Patienten ist, oder wann genau das Medikament eingenommen werden muss. Viele Fehler haben zudem keine oder nur marginale Folgen, aber auf 300 Beinahe-Zwischenfälle kommen 30 leichte Ereignisse und ein ernstes Ereignis (Heinrich’s Law).

Durch die Initiative relevanter Gruppen wie das Aktionsbündnis Patientensicherheit sind Konzepte zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) entwickelt worden. Wesentliche Elemente sind die Förderung der Gesundheitskompetenz von Patienten (Warum bekomme ich dieses Medikament eigentlich?), die Nutzung von (nicht aber das bedingungslose Vertrauen in) Verordnungssoftware, das Berichten von (Beinahe)Zwischenfällen und vor allem die sichere Kommunikation zwischen den Beteiligten (Patienten, Ärzte, Apotheker, medizinische Fachberufe) und zwischen den sektoralen Grenzen.

Meine Meinung ist: Die Arzneistoffverschreibung und somit auch das Erkennen von Wirkung und Nebenwirkung ist eine genuin ärztliche Aufgabe, die Kommunikation zur Verordnung sollte deshalb auch primär zwischen Ärzten und Patienten stattfinden und erst nachrangig an andere delegiert werden. Die systematische und regelmäßige Überprüfung der Medikation von älteren und multimorbiden Patienten durch den Hausarzt ("Medication Reconciliation") unter Nutzung von Verordnungssoftware und dem Gespräch mit dem Patienten, hilft Medikationsfehler und Nebenwirkungen zu erkennen. An der Praktikabilität der unterschiedlichen Verordnungssoftware wird allerdings derzeit noch berechtigt Kritik geübt. In jedem Fall bedeutet ein Mehr an Aufmerksamkeit für das zunehmend komplexere Medikationsmanagement ein Mehr an Zeit.

Ein weiteres Element der sicheren Kommunikation wird der bundeseinheitliche Medikationsplan sein, ein standardisiertes, maschinenlesbares Formblatt für diejenigen Patienten, die mindestens 3 regelmäßige Verschreibungen erhalten. Dieses könnte auch die Kommunikation zwischen Krankenhaus und ambulanter Versorgung befördern, die Kooperation des Patienten (der entscheidet, was eingetragen wird und ob er den Plan auch "seinem" Hausarzt zeigt) vorausgesetzt.



Autor:

Prof. Dr. med. Sebastian Harder

Institut für Klinische Pharmakologie der Goethe-Universität
60323 Frankfurt am Main

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (5) Seite 3