„Die Allgemeinmedizin – ein Fach im Aufwind an den Medizinischen Fakultäten“, las ich neulich im Deutschen Ärzteblatt. Die Meldung klang gut und zweifelsohne gab es in den letzten Jahren große Fortschritte. Betrachtet man aber die Entwicklung über die letzten 50 Jahre, dann wird klar, wie zäh die Anerkennung der Allgemeinmedizin verläuft, gerade im Vergleich zu anderen Staaten mit einem entwickelten Gesundheitssystem.

Wenn man dann wie in Bremen erlebt, dass eine Ärztekammer die fachlich-inhaltliche Identität der Allgemeinmedizin partout nicht akzeptieren will, dann zweifelt man schon, ob die ärztliche Selbstverwaltung ein geeignetes Regulativ ist.

Was ist passiert? Die Weiterbildungsordnung in Bremen sieht für die Qualifikation zum Facharzt für Allgemeinmedizin eine Mindestweiterbildungszeit im „ambulanten hausärztlichen Versorgungsbereich“ vor. So kann es zu der geradezu skurrilen Situation kommen, dass Kollegen nach dreijähriger stationärer Weiterbildungszeit in der Inneren Medizin zwei Jahre bei einem ambulant tätigen hausärztlichen Internisten ihre Weiterbildung machen und sich dann zur Prüfung zum Facharzt für Allgemeinmedizin anmelden, ohne jemals bei einem Allgemeinmediziner weitergebildet worden zu sein.

Der Facharzt für Allgemeinmedizin ist damit, zumindest in Bremen, das einzige Fach, in welchem die Ärzte nicht in dem Bereich weitergebildet werden müssen, in dem sie später auch tätig sind. Argumentiert wurde, dass das Arbeitsspektrum dem der hausärztlichen Internisten entspreche. Es wird vollkommen ignoriert, dass dabei bedeutende Inhalte der Weiterbildungsordnung zum Facharzt für Allgemeinmedizin schlichtweg ausgeblendet werden.

Die Besonderheit der hausärztlichen Arbeitsmethodik fußt vor allem auf den Inhalten der Muster-Weiterbildungsordnung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, die nicht Teil der internistischen Weiterbildungsordnung sind. Zu diesen zählen z. B. die Integration medizinischer, psychischer und sozialer Belange, die Familienmedizinische Betreuung, die Erkennung und koordinierte Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter, die Behandlung von Erkrankungen der Stütz- und Bewegungsorgane, Wundversorgung und Wundbehandlung und vieles mehr. Diese Inhalte können nur erworben werden, wenn die Weiterbildung auch in einem ausreichenden Maße in einer allgemeinmedizinischen Praxis stattfindet. Und auch die Arbeitsmethodik der Allgemeinmedizin unterscheidet sich fundamental von der des (klinisch weitergebildeten) Internisten (vgl. z. B. Abwartendes Offenhalten).

Die Politik hat erkannt, dass nur ein strukturiertes Gesundheitssystem zukunftssicher ist, und hat durch die Stärkung der Hausarztzentrierten Versorgung (HzV) hierzu einen wichtigen Schritt getan. Wenn sich jedoch KVen und Ärztekammern weiterhin weigern, diese Systemnotwendigkeiten anzuerkennen, wird die Politik nicht darum herumkommen, einzugreifen und die Kompetenzen neu zu verteilen.



Autor:

Dr. med. Hans-Michael Mühlenfeld

Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbands
28197 Bremen

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2016; 38 (3) Seite 3