Tennis-Ellenbogen und neuerdings auch Golfer-Ellenbogen – damit werden Schmerzzustände im Bereich des Ellenbogens bezeichnet, die Epikondylitis lateralis bzw. medialis. Auch wenn wenigstens 90 % der Betroffenen mit diesen Sportarten überhaupt nichts zu tun haben. Das Leiden: hartnäckige Schmerzen, verstärkt bei Belastung, aber auch in Ruhe, die die Patienten oft von Arzt zu Arzt treiben, von Physiotherapie zu Kortisonspritzen, von Bestrahlungen und Stoßwellen schließlich zu Operationen – oft ohne den erwünschten Erfolg der Schmerzbefreiung. Wie können Sie diesen Patienten helfen?

Die Bezeichnung "Epikondylitis" ist bereits irreführend, denn eine "-itis", eine Entzündung, liegt nicht vor. Der Schmerz ist ein Muskelansatzschmerz. Das Ellenbogengelenk ist meist nicht beteiligt: Passive Bewegung des Gelenks schmerzt nicht, sondern die Anspannung der an den Epikondylen ansetzenden Muskeln bei aktiver Bewegung und besonders bei Belastung.

Die Untersuchung der Schmerzregion besteht aus Palpation und Bewegung, insbesondere Rotation des Unterarms in die Pronation und Supination, zunächst ohne Belastung (Schmerzen in den Endstellungen?), dann auch gegen Widerstand. Dabei tut es meist deutlich mehr weh. Außer der Rotation sollte noch die Streckung der gebeugten langen Fingerstrecker gegen Widerstand und die Beugung der Finger und der Hand gegen Widerstand geprüft werden.

Schmerzursache ist die chronische Verspannung der ansetzenden Muskeln, die durch die Verhärtung schlechter durchblutet und damit ernährt werden. Das Gewebe versäuert, was den Schmerz verstärkt und wiederum die örtliche Muskelverspannung erhöht: ein Teufelskreis. Die Verspannung der an den Epikondylen ansetzenden Muskeln steht meist mit einer Blockierung der Nackenwirbel (des zervikothorakalen Übergangs, also der Wirbel C7 bis Th4) im Zusammenhang. Die Blockierung ist erkennbar an der aufgehobenen Rotation der Nackenwirbel gegeneinander und dem Hartspann der Nackenmuskulatur. Deshalb sollte stets die Wirbelsäule in die klinische Untersuchung einbezogen werden.

Für die ersten Therapieschritte genügt die dargestellte Untersuchung:

1. Lockerung des Nackens durch Quaddelung und Bewegung und nach Möglichkeit Lösen der Blockierung durch entsprechende Handgriffe (Chirotherapie). Wenn das so gelingt, löst sich die Muskelspannung binnen Minuten, der Schmerz lässt nach, ein Wärmegefühl bestätigt die verbesserte Durchblutung. Möglicherweise ist damit schon das Leiden beendet. Es wäre über die Korrektur der Körperhaltung und über geeignete mobile Sitzmöbel vom Ball bis zu Luftpolstern zu sprechen, um Rezidive zu vermeiden.

2. Behandlung der eigentlichen Schmerzregion durch Infiltration der verspannten Muskulatur in der Nähe des Ansatzes mit einem Lokalanästhetikum. Das löst umgehend Schmerz und Verspannung. Der Effekt hält über die unmittelbare Wirkzeit des eingespritzten Mittels an, weil die Durchblutung reguliert ist, aber meist sind Folgebehandlungen in den nächsten Tagen erforderlich, um den Effekt langfristig zu stabilisieren.

3. Als Muskelentspannungsmethode ist die "postisometrische Relaxation" (PiR) geeignet, die ein Physiotherapeut anleiten kann. Wenn beispielsweise die Supination Schmerz im Muskel auslöst, wird die Hand bis nahe der Schmerzgrenze supiniert, dann vom Patienten ganz gering in Richtung Pronation gegen Widerstand angespannt und nach 10 Sekunden in der Ausatemphase die Anspannung aufgehoben. Unwillkürlich kommt es ohne Nachdrücken zu einer kleinen Bewegung in Richtung Supination. Die neue schmerzfreie Haltung wird jetzt fixiert, erneut 10 Sekunden ganz leicht in Richtung Pronation angespannt und so weiter. Jedes Mal kommt es zu einer weiteren Entspannung und Erweiterung der schmerzfrei erreichbaren Supination. Der Patient kann das nach Anleitung zu Hause selbst beliebig fortsetzen (vgl. Kasten).

4. Ergänzend bleiben zur häuslichen Selbstbehandlung Kältetherapie und spezielle Massagetechniken zu erwähnen, die sich aus dem schmerzfreien Muskel ganz allmählich in die verspannte Region hineinarbeiten.

Für dauerhaften Erfolg ist die Behandlung der Nackenblockierung Voraussetzung.

Muskeldehnung nach JANDA zur Behandlung verkürzter Muskulatur

Durchführung: Nach 7 sec maximaler Anspannung gegen Widerstand in schmerzfrei erreichbarer maximaler Muskellänge wird durch den Behandler aktiv mit wohldosierter Kraft der Muskel bis zu zwei Minuten lang gedehnt.

Lernen im Kurs "Untersuchung und Behandlung von Schmerzen aus der Muskulatur" auf der practica

Wenn nichts hilft, sind weitere Ursachen zu prüfen und die Behandlung zu ergänzen: Verspannungen können auch durch seelische Anspannung und Konflikte entstehen bzw. unterhalten und verstärkt werden (die ständig geballte Faust in der Tasche). Dann sollten psychotherapeutische Verfahren zur Entspannung die Therapie ergänzen, z. B. die "konzentrative Entspannung" nach Jacobson oder Autogenes Training.

Bei der Epikondylitis medialis kann es sich auch um eine Verkürzung der langen Beugemuskeln der Finger handeln, die dort ansetzen. Die Verkürzung ist ein völlig anderer Mechanismus als die Verspannung. Die Muskeldehnung nach JANDA ist die geeignete Methode, in ein bis zwei Behandlungen die so entstandenen Schmerzen dauerhaft zu beseitigen (vgl. Kasten).

Postisometrische Relaxation: "PiR-Technik" zur Behandlung der Muskelverspannung

Durchführung:Nach 10 sec minimaler Anspannung gegen Widerstand wird entspannt, unterstützt durch die Ausatemphase. Dabei kommt es zu einer kleinen Spontanbewegung in der Gegenrichtung zur Anspannungsrichtung. Kein passives Nachdrücken!

Aus der jeweils erreichten neuen Ausgangslage wird die Übung 5 x wiederholt.

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Nicht zu empfehlen sind Einspritzungen von Kortison (denn eine Entzündung liegt nicht vor), Rö-Bestrahlungen, Operationen oder auch Stoßwellentherapie, ehe nicht die Möglichkeiten der Muskeltherapie ausgeschöpft sind. Die Risiken sind weitaus höher, der Nutzen fraglich.

Auch Ruhigstellung löst das Problem nicht, allenfalls Entlastung von Tätigkeiten, die festes Zupacken und Halten erfordern. "Bewegung ohne Belastung" als heilendes Prinzip.

Doch auch an andere Ursachen ist zu denken. Bei einem meiner Patienten mit den eingangs geschilderten Beschwerden brachten die Muskelbehandlungen keine Besserung. Denn es war gar keine Epikondylitis, sondern eine Blockierung des proximalen Radioulnargelenks. Dieses Gelenk ist tastbar nahe beim Epikondylus medialis mit entsprechender Ausstrahlung, für den Patienten nicht zu unterscheiden. Ein kurzer Impuls zur Trennung der miteinander verhafteten Gelenkanteile und das Problem war endlich auf Dauer gelöst. Ein Sturz auf die Hand war die ursprüngliche Ursache dieser Störung, wie sich im Nachhinein klären ließ.



Autor:

© copyright
Dr. med. Diethard Sturm

Facharzt für Allgemeinmedizin
09125 Chemnitz

Interessenkonflikte: Der Autor hat keine deklariert.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2015; 37 (17) Seite 64-65