Frage: Meine 46-jährige Patientin leidet nach einer Kniegelenksarthroskopie seit ca. einem Jahr an einer zunehmenden Arthrofibrose des linken Kniegelenks. Auch eine Rearthroskopie im November 2012 mit Kapsulotomie, medialer Hoffateilresektion etc. erbrachte keine Besserung. Inzwischen ist das linke Knie in einer Beugestellung von etwa 70° völlig versteift. Auch das Sprunggelenk ist eingesteift. Die Patientin hat durch die Fehlbelastung auch zunehmende Schmerzen in den Hüftgelenken und im anderen Bein. Intensive Krankengymnastik hat überhaupt keine Besserung erbracht. Die Patientin leidet unter ständigen Schmerzen und ist in ihrem Bewegungsradius extrem eingeschränkt, teilweise auf den Rollstuhl angewiesen. Was kann man tun?

Antwort: Der Kollege berichtet über eine 46-jährige Patientin mit einer Arthrofibrose nach Kniearthroskopie. Nach einer Arthrolyse sei es zu einer weiteren Verschlechterung gekommen mit einer fast völligen Versteifung in 70-Grad-Beugung. Zusätzlich ist auch noch das linke Sprunggelenk versteift und die Beweglichkeit des Hüftgelenkes reduziert.

Die Arthrofibrose kann als proliferative Störung der Reparation mit vermehrter Narbenbildung aufgefasst werden mit guter Prognose bei Verzicht auf Dehnübungen, medikamentöser Dämpfung der Fibroblasten-Aktivität und Balancierung des vegetativen/autonomen Systems, das die Heilungsprozesse steuert.

In unserer Klinik haben wir in den letzten zwei Jahren 160 Patienten mit der Erstdiagnose Arthrofibrose nach Knie-TEP stationär behandelt. Bei der im Schnitt 25 Tage dauernden Rehabilitation wurde ein spezielles Therapieschema angewandt, bestehend aus physiotherapeutisch durchgeführten osteopathischen und reflextherapeutischen Maßnahmen. Außerdem erhielten die Patienten niedrigdosiertes Prednisolon 20 mg zur Dämpfung der Fibroblastenaktivität und Propranolol 10 mg zur Senkung des Sympathikus und Hemmung der Proteinsynthese. Zum Konzept gehörte zudem der Vortrag eines Arztes zur Vermittlung eines Krankheitsverständnisses und Erzeugung einer positiven Erwartungshaltung. Es konnte eine Steigerung der Beweglichkeit des Kniegelenks um durchschnittlich 20,9 Grad und bei 84,4 % der Patienten eine Schmerzreduktion erzielt werden.

Der Therapieerfolg fiel aber ganz unterschiedlich aus von einer Verbesserung der Beweglichkeit von 0 bis 70 Grad und von weiter bestehenden Schmerzen bis völliger Schmerzfreiheit. Die Ursachen für diese unterschiedlichen Ergebnisse sollen bei dieser Kohorte (100 Frauen und 60 Männer) in einer weiteren Studie untersucht werden. Aus jetziger Sicht hat die Dauer der Erkrankung, die Anzahl von operativen Interventionen und die Zahl der Narkosemobilisationen Einfluss auf den Therapieerfolg. In wenigen Fällen wird die AF auch durch einen Low-grade-Infekt ausgelöst und unterhalten. In dieser Situation muss bei Endoprothetik das Kunstgelenk gewechselt werden nach Ausheilung des Infektes.

Allen Patienten gemeinsam ist die schwierige emotionale Situation aufgrund der starken Behinderung der Aktivitäten des täglichen Lebens (Treppensteigen, Fahrradfahren) und der erheblichen Schmerzbelastung bei oder nach der Physiotherapie, die trotz größter Mühe vonseiten des Therapeuten und des Patienten eher eine Verschlechterung bewirkt. Die Betroffenen geraten dadurch immer mehr in eine Dilemma-Situation mit Teufelskreis-Charakter. Wichtig ist in dieser Situation, ein schlüssiges Erklärungsmodell und eine daraus abgeleitete Therapie anzubieten, um dadurch zusätzlich eine positive Erwartungshaltung zu erzeugen, die für jeden Heilungsprozess von großer Bedeutung ist.



Autor:

Dr. med. Philipp Traut, Bad Oeynhausen

Chefarzt Orthopädie
Klinik am Rosengarten
32545 Bad Oeynhausen

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (20) Seite 82