Deutschland braucht mehr hausärztlichen Nachwuchs, um auch in Zukunft die ambulante medizinische Versorgung zu gewährleisten. Über diese Frage herrscht inzwischen weitgehend Einigkeit. Um junge Ärzte frühzeitig für die Allgemeinmedizin zu gewinnen, sollten sie bereits während des Studiums an das Fach besser herangeführt werden. Dies setzt allerdings voraus, dass die Allgemeinmedizin an den medizinischen Fakultäten flächendeckend und kompetent vertreten sein muss. Was sich in diesem Bereich und darüber hinaus in der allgemeinmedizinischen Forschung tut, wollte unser Korrespondent Raimund Schmid von Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach erfahren, dem Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt/Main und Präsident der DEGAM.

Herr Prof. Gerlach, jahrzehntelang hat die Allgemeinmedizin an den medizinischen Fakultäten in Deutschland ein Schattendasein geführt. Jetzt scheint das Fach plötzlich auf der Überholspur zu sein. Warum ist das so?

Ja, das kann man so sagen. Wir haben mittlerweile an 20 der 37 medizinischen Fakultäten selbstständige Institute oder Abteilungen für Allgemeinmedizin. Das ist sicherlich ein Erfolg. An weiteren sieben Standorten (Lübeck, Oldenburg, Mainz, Homburg, Tübingen, Würzburg, LMU München) wurden Verfahren zur Etablierung ganz neuer Lehrstühle begonnen oder stehen in Kürze bevor. An weiteren acht Standorten gibt es zwar noch keine Professur, aber zumindest bereits wissenschaftliche Mitarbeiter, die das Fach Allgemeinmedizin vertreten. Lediglich Gießen und Regensburg sind bis heute die Waisenkinder der Allgemeinmedizin an medizinischen Fakultäten. Dort gibt es zwar Lehraufträge, aber keine strukturelle Verankerung unseres Faches. In Kürze wird an zwei Dritteln der Medizin-Standorte das Fach Allgemeinmedizin akademisch etabliert sein. In zehn bis 15 Jahren werden wir es wohl hoffentlich geschafft haben: Dann könnten alle 37 medizinischen Fakultäten in Deutschland über selbstständige Einrichtungen für Allgemeinmedizin verfügen.

So weit die nackten Zahlen. Konnten die Lehrstühle aber auch aus fachlicher Sicht die Erwartungen erfüllen? Wie sieht die Bilanz im Bereich der wissenschaftlichen Publikationen in der Allgemeinmedizin aus?

Der Trend ist beeindruckend, wie eine neue Auswertung des Münchner Lehrstuhlinhabers Prof. Antonius Schneider und Kollegen belegt. So sind von 2008 bis 2010 insgesamt 414 Originalarbeiten und wissenschaftliche Reviews erschienen. Von 2000 bis 2002 waren es gerade einmal 60 Publikationen gewesen. Und der Trend nach oben setzt sich bis heute weiter fort. Auch international haben die Forschungsergebnisse aus deutschen Hausarztpraxen Anklang gefunden. Während bis 2003 lediglich 25 Prozent aller wissenschaftlichen Arbeiten in Englisch erschienen sind, waren es im Zeitraum 2008 bis 2010 schon über 60 Prozent. Heute dürften es noch mehr sein. Und schließlich erscheinen immer mehr allgemeinmedizinische Arbeiten aus Deutschland in hochrangigen Zeitschriften, die einen Impact Factor aufweisen, davon inzwischen rund ein Drittel in Journals, deren Impact Factor über 2.0 liegt.

Worauf basiert dieser positive Trend?

Sehr geholfen hat uns ein Förderprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das die Forschung – speziell auch die Versorgungsforschung – in der Allgemeinmedizin unterstützt hat. Genau dieser Ansatz wird ja jetzt auch im Koalitionsvertrag nochmals gestärkt. Künftig müssen allerdings weit mehr Forschungsmittel als bislang zielgerichtet in die Primärversorgung fließen, weil dort der Nachholbedarf weit höher ist als in der Grundlagenforschung oder in der klinischen Forschung und dort auch die meisten Patienten versorgt werden.

Allgemeinmediziner an Universitäten müssen sich ja aber auch in der Lehre beweisen. Konnte die Existenz von immer mehr Lehrstühlen eigentlich auch die Neigungen oder Berufswünsche von Studierenden hin zur Allgemeinmedizin befördern?

Über den Lehrstuhl in München ist genau dies gerade bei 940 Studierenden an drei bayerischen Universitäten untersucht worden. Dabei hat sich gezeigt, dass die Existenz eines Lehrstuhls mit dazu beiträgt, dass die Studierenden das Fach Allgemeinmedizin stärker wertschätzen und einer künftigen hausärztlichen Tätigkeit aufgeschlossener gegenüberstehen. Das bedeutet, dass die Institutionalisierung der Allgemeinmedizin ein wichtiger Faktor ist, damit Studierende eine positivere Einstellung zum Fach und für eine spätere hausärztliche Tätigkeit bekommen. Gute Vorbilder an den Unis, ein attraktiver Unterricht und der Einbezug der akademischen Lehrpraxen führen bei jungen Menschen offenbar zu einem größeren Interesse an der Allgemeinmedizin. Das konnte jetzt zumindest in Bayern erstmals belegt werden.

Die Lehrstühle für Allgemeinmedizin arbeiten ja aber auch an Konzepten, wie die Versorgung in der Praxis verbessert werden könnte. Können Sie hier aktuelle Beispiele aus Ihrem eigenen Frankfurter Institut nennen, die Modellcharakter haben?

Da wäre zunächst einmal das Projekt InGe (Innovative Gesundheitsmodelle) zu nennen, das wir mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung auf den Weg gebracht haben. Hier geht es darum, innovative Projekte, die insbesondere auch für die hausärztliche Versorgung vor Ort relevant sind, über unser Internet-Portal www.innovative-gesundheitsmodelle.de zugänglich zu machen. Hier findet man zum Beispiel allgemeinmedizinische Lösungsansätze wie intelligente Praxisnetze, einzelne Ärztehäuser oder gemeindeorientierte Ansätze für strukturschwache Regionen und den ländlichen Raum. Alle Angebote sind nach Kategorien sortiert und nach Bundesländern gegliedert. Unser Institut baut das Angebot schrittweise aus und will die Erfolgskriterien, aber auch die Barrieren für solche innovativen Ansätze identifizieren. Davon können schon jetzt praktizierende oder auch angehende Allgemeinärzte profitieren.

Gibt es weitere Schwerpunkte?

Ja, wir haben in Frankfurt Schwerpunktprofessuren für Altersmedizin und zum Thema „Chronischen Krankheiten und Versorgungsforschung“. So können wir uns gerade als erstes Institut für Allgemeinmedizin in Deutschland im Deutschen Konsortium Translationale Krebsforschung engagieren und mit inzwischen fünf Projekten im Bereich der onkologischen Versorgung ganz neu aufstellen. Hier spielt ja neben den Spezialisten auch der Hausarzt, etwa in der Früherkennung, Nachsorge oder der Palliativversorgung, eine große Rolle. Und in der Altersmedizin gibt es praxistaugliche Materialien für Angehörige und Pflegende demenzkranker Menschen oder auch zur Medikation in Alters- und Pflegeheimen. Andere allgemeinmedizinische Institute haben ganz andere Schwerpunkte, womit ja auch die Breite des Faches Allgemeinmedizin abgebildet wird. Wir sind daher inzwischen in Deutschland nicht nur in Forschung und Lehre recht gut etabliert, sondern wollen weiter gezielt Versorgungsfragen untersuchen, die für den Allgemeinarzt in der Praxis von hoher Relevanz sind.

Das Interview führte Raimund Schmid, Kolumnist und Mitarbeiter der Zeitschrift Der Allgemeinarzt.


Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (6) Seite 73-74